FES BRIEFING MAROKKO Gewerkschaftsmonitor März 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die politische Landschaft Marokkos hat sich in den letzten 25 Jahren stark verändert und zeichnet sich heute durch eine gestärkte Position der königlichen Institution als verfassungsrechtlich und faktisch wichtigster Akteur im politischen Leben aus. Die begrenzte Bedeutung von Beiträgen anderer Akteure als politische Alternativen oder Vermittlungsangebote verringern grundsätzlich den Grad der demokratischen Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung im Land. Dies wiederum öffnet den Weg für die Entstehung anderer gesellschaftlicher Ausdrucksformen wie regionale soziale Bewegungen, korporatistische Koordinationen oder andere Mobilisations- und Ausdrucksformen mit zunehmendem Rückgriff auf soziale Netzwerke. Die marokkanische Wirtschaft beruht seit Jahrzehnten auf den zentralen Sektoren Landwirtschaft, Phosphatabbau, Tourismus sowie der verarbeitenden Textil- und Lebensmittelindustrie. Durch den Wunsch, die Industrialisierung des Landes voranzutreiben, sollen sich künftig jedoch auch andere Kernelemente vermehrt auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Besonders die geografische Lage des Königreichs als logistischer Ankerpunkt zwischen Afrika und Europa soll dabei stärker genutzt werden. Darüber hinaus sind der Ausbau des Straßennetzes und des Transportwesens, großer Seehäfen wie Tanger Med sowie des Energiesektors mit Blick auf erneuerbare Energien zentrale Bestandteile beim Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaft. Die vom Königshaus angestrebte Modernisierung hat in der Wirtschaftspolitik dazu geführt, dass Marokko sich graduell von einer präindustriellen zu einer postindustriellen Gesellschaft entwickelt. Gleichzeitig ist eine Verschmelzung von politischer und wirtschaftlicher Macht zu beobachten, die als»crony capitalism« bezeichnet werden kann. Das hierfür repräsentativste Beispiel ist der derzeitige Regierungschef Aziz Akhennouch, Chef der Partei Rassemblement National des Indépendants (RNI), Chef der Akwa-Gruppe und nach dem König zweitreichster Mensch Marokkos. 2020 erhob der marokkanische Wettbewerbsrat schwere Vorwürfe in Bezug auf Preisabsprachen gegen Akhennouchs Unternehmensgruppe sowie einige Mitkonkurrent_innen. Nachdem Akhennouch zwischen 2007 und 2021 als Minister für Landwirtschaft und Fischerei amtierte, führt er seit Oktober 2021 die Regierungsmehrheit an. Zwei politische Gruppierungen haben sich der siegreichen RNI angeschlossen, um eine liberale Regierung zu bilden, die auch eine konservative Komponente aufweist, die wiederum von der Istiqlal-Partei(Unabhängigkeitspartei) repräsentiert wird. Der neue Regierungschef ist jedoch weit davon entfernt, einen Bruch mit seinem Vorgänger zu vollziehen. Sein Programm baut auf zahlreichen politischen Initiativen auf, die bereits vor seinem Amtsantritt begonnen wurden. Somit stehen alle marokkanischen Parteien sowie die von ihnen getragenen Regierungen vor der Herausforderung, nicht notwendigerweise eine eigene Politik verfolgen zu können, sondern vorgegebene Strategien und Richtlinien – vornehmlich des Königs – als direkten Regierungsauftrag umzusetzen. Das neue Regierungsprogramm 2021–2026 findet seine Ursprünge und Grundorientierungen folglich in den königlichen Leitlinien sowie im neuen ökonomischen Entwicklungsmodell. Dessen drei strategische Achsen zielen auf die Stärkung der sozialen Grundlagen des Staates ab, ausgedrückt durch den marokkanischen Sozialstaat, die Wiederbelebung der Wirtschaft mit Fokus auf Beschäftigung sowie die Verankerung einer guten Regierungsführung in der Verwaltung. So ist die Verallgemeinerung des Sozialschutzes ein großes Projekt, das ab 2025 einen jährlichen Betrag von 51 Mrd. Dirham kosten und sich auf die Ausweitung der gesetzlichen Krankenversicherung(14 Mrd. Dirham), die Ausweitung des Kindergeldes(19 Mrd. Dirham), die Erweiterung der Rentenempfänger_innen(17 Mrd. Dirham) sowie auf die Ausweitung des Zugangs zur Entschädigung bei Arbeitsplatzverlust(1 Mrd. Dirham) verteilen wird. Dieser Betrag soll paritätisch über Sozialbeiträge und Steuerzuschüsse finanziert werden. 1
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2024
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