FES BRIEFING MEXIKO Gewerkschaftsmonitor Januar 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Das gegenwärtige politische System Mexikos ist aus einem autoritären De-facto-Einparteiensystem unter Kontrolle der Partido Revolucionario Institucional(PRI) hervorgegangen. Grundlage der über 70 Jahre andauernden Dominanz der PRI war einerseits die Einbindung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung in korporatistische Institutionen wie Bauernverbände, Gewerkschaften und Wirtschafts- bzw. Handelskammern, die von der PRI kontrolliert und klientelistisch gesteuert wurden, andererseits die gewaltsame Unterdrückung kritischen Widerstands. Eine Reihe von institutionellen Reformen in den 1990er-Jahren leiteten dann eine demokratische Transformation ein, durch welche die Opposition an Gewicht gewann und im Jahr 2000 schließlich der Machtwechsel erfolgte. Die traditionelle Oppositionspartei Partido Acción Nacional(PAN) stellte für zwei sechsjährige Legislaturperioden den Präsidenten. In diese Zeit fällt auch die Kriegserklärung an das organisierte Verbrechen durch Präsident Felipe Calderón Hinojosa(2006–2012), die zu einer Gewaltspirale führte. Die Zahl der Morde in Mexiko verdreifachte sich auf ein Niveau, das bis heute nicht gesenkt werden konnte. Nach der Rückkehr der PRI unter Präsident Enrique Peña Nieto(2012–2018), dessen Regierung vor allem durch Korruption in Erinnerung geblieben ist, folgte 2018 ein Erdrutschsieg von Andrés Manuel López Obrador, kurz AMLO genannt. Mit dem Versprechen umfangreicher und progressiver Reformen konnte AMLO eine breite Unterstützer_innenbewegung und die Wählerschaft mobilisieren. AMLO, der sich in den beiden vorhergehenden Präsidentschaftswahlen nicht als Kandidat der Mitte-links-Partei Partido de Revolución Democrática(PRD) hatte durchsetzen können und deshalb 2012 die PRD verließ, regiert nun mit der von ihm 2014 gegründeten Partei Movimiento de Regeneración Nacional(MORENA). Machtwechsel gehören inzwischen zum politischen Alltag in Mexiko, Korporatismus und Klientelismus prägen jedoch bis heute die mexikanische Politik. López Obrador zeichnet sich durch seinen konfrontativen und polarisierenden Regierungsstil aus. Er bezeichnet seine Regierung und sein Programm der»Vierten Transformation« als genuine Vertretung der Volksinteressen, die das bestehende System, das bisher ausschließlich zugunsten der Eliten agierte, verändern will. Von seinen Kritiker_innen wird AMLO nicht nur des Populismus bezichtigt, sondern mit Blick auf die mexikanische Geschichte ebenso vorgeworfen, eine autoritäre Restauration durch die Einschränkung der Autonomie demokratischer Institutionen zu verfolgen, die als Schranken der Exekutive im Rahmen des Demokratisierungsprozesses seit Ende der 1990er-Jahren aufgebaut wurden. Zudem hat der Präsident ein Kommunikationsmodell eingeführt, das im Land beispiellos ist: Jeden Tag hält er morgens eine Pressekonferenz ab, in der er verschiedene Themen der nationalen Agenda anspricht bzw. setzt. Der Präsident nutzt die Konferenzen aber ebenso als Mittel der Konfrontation und kontinuierlichen Polarisierung, nicht nur mit der Opposition, sondern mit allen kritischen politischen und sozialen Gruppen, Journalist_innen sowie der Justiz und weiteren autonomen Institutionen. Sein als autoritär wahrgenommener Politikstil hat zu einer Distanzierung der Mittelschichten, Kunstschaffenden, Intellektuellen und linken Bewegungen, einschließlich feministischer Gruppen, geführt. Die heftige Kritik am Präsidenten hat sich jedoch nicht grundlegend auf die Wahrnehmung der Mehrheit der Bürger_innen ausgewirkt, was hohe Zustimmungswerte von 60 Prozent und mehr belegen. Für viele ist AMLO eine Lichtgestalt, für andere trotz aller Zweifel die einzige realistische Möglichkeit für einen Wandel. AMLOs Kritik an den konservativen Eliten deckt sich mit den konkreten Erfahrungen eines Großteils der Bevölkerung: den gravierenden sozialen Ungleichheiten, der Diskriminierung und Ausbeutung sowie der Gleichgültigkeit der bisherigen Politik gegenüber ihrer Situation. Die Diskreditierung der Regierungen vieler Jahrzehnte hat das politische Kapital erzeugt, das AMLO nun als Regierungschef auszeichnet, der sich erstmals um die nicht privilegierte Mehrheit der Bevölkerung kümmert. Selbst wenn die Ziele seiner»Vierten Transformation« nicht erreicht werden, glaubt eine Mehrheit, dass er es – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – zu1
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2024
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