FES BRIEFING NIGERIA Gewerkschaftsmonitor September 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Das vergangene Jahr war in Nigeria besonders von den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Februar 2023 geprägt. Nach acht Jahren im Amt trat der Amtsinhaber Muhammadu Buhari verfassungsgemäß nicht erneut an. In einem mit harten Bandagen geführten Vorwahlkampf 2022 konnte sich der ehemalige Gouverneur von Lagos, Bola Tinubu, als Kandidat der Regierungspartei All Progressives Congress(APC) durchsetzen, während bei der größten Oppositionspartei Peoples Democratic Party(PDP) der ehemalige Vizepräsident Atiku Abubakar zum inzwischen fünften Mal für die Präsidentschaft kandidierte. Sein»running mate« von 2019, Peter Obi, wechselte kurz vor den Vorwahlen zur bisher kleineren und eng mit der Gewerkschaftsbewegung verbundenen Labour Party(LP). Obi verhalf der LP zu einem unerwarteten Aufschwung, während im nördlichen Bundesstaat Kano der ehemalige Gouverneur Rabiu Kwankwaso mit der New Nigeria Peoples Party(NNPP) einer weiteren Kleinpartei zu nationaler Reichweite verhalf. Der Wahlkampf ebenso wie der Wahlausgang wurden so zu den wahrscheinlich spannendsten in der seit 1999 ausgerufenen Vierten Republik. Beherrschende Themen waren die sich stetig verschlechternde Sicherheitslage sowie die permanente Wirtschaftskrise, wobei alle wesentlichen Kandidaten sehr ähnliche und nicht immer konsistente Antworten in ihren Wahlprogrammen vorlegten. Alle nannten eine Diversifizierung der Wirtschaft sowie eine Stärkung der einheimischen Produktion als Ziel und setzten dabei auf einen Mix aus staatlicher Intervention und privatwirtschaftlicher Initiative, ohne jedoch konkret zu werden. Ebenso versprachen sie die Förderung flächendeckender Beschäftigung, auch hier ohne genauen Plan. Im Wesentlichen wurde der Wahlkampf so zu einer Frage der Glaubwürdigkeit der Kandidaten – den etablierten »Altpolitikern« Tinubu und Abubakar einerseits und den »neueren« Gesichtern andererseits, wie dem zwar auch schon über 60-jährigen Obi, der jedoch besonders die Hoffnung der Jugend auf Wandel zu verkörpern vermochte. Bei den Wahlen am 25. Februar 2023 konnte sich schließlich Bola Tinubu durchsetzen, der laut offiziellem Ergebnis 36,61 Prozent bzw. etwa 8,8 Millionen Stimmen auf sich vereinen konnte. Seine ärgsten Widersacher, Atiku Abubakar von der PDP sowie Peter Obi von der LP erhielten 29,07 bzw. 25,4 Prozent der Stimmen, Rabiu Kwankwaso von der NNPP kam auf 6,23 Prozent. Gemäß der nigerianischen Verfassung genügt im ersten Wahlgang die einfache Mehrheit der Stimmen, solange der oder die betreffende Kandidat*in in mindestens zwei Dritteln der 36 Bundesstaaten und der Hauptstadt Abuja 25 Prozent der Stimmen erhält – ein Kriterium, das Tinubu laut den offiziellen Zahlen erfüllt. Es ist das erste Mal in der Vierten Republik, dass der gewählte Präsident weniger als 50 Prozent der Stimmen erhielt. Die Wahlbeteiligung fiel mit rund 27 Prozent allerdings noch niedriger aus als 2019 (34,75 Prozent). Obwohl die Opposition die Ergebnisse der Wahl nach wie vor anzweifelt, lässt sich konstatieren, dass Peter Obi mit seinem Wechsel zur LP im Sommer 2022 das nigerianische Zweiparteiensystem aufmischte. Seit 1999 regierten entweder die PDP(1999–2015) oder der APC(seit 2015); bei den letzten Wahlen 2019 erhielt der»drittbeste« Kandidat kaum mehr als 100 000 Stimmen und die ursprünglich mithilfe der nigerianischen Gewerkschaftsbewegung gegründete LP kam gerade einmal auf 0,02 Prozent. Dem folgte jedoch ein beispielloser Aufstieg: Der seit seiner Zeit als Gouverneur von Anambra(2006–2014) als sparsam und gewissenhaft geltende Obi wurde spätestens seit seinen positiven Aussagen zu den EndSARS-Protesten 2020, bei denen sich vor allem die junge Mittelschicht gegen Polizeiwillkür zur Wehr setzte, zum»Helden der Jugend«. Seine Anhänger*innen mobilisierten landesweit vor allem über die sozialen Netzwerke. Große Teile der Zivilgesellschaft standen ebenfalls hinter seiner Bewerbung. So gelang es ihm, auch die Unterstützung der großen Gewerkschaftsverbände Nigeria Labour Congress(NLC) und Trade Union Congress(TUC) zu erlangen; der NLC empfahl seinen offiziell vier Millionen Mitgliedern sogar erstmals seit 1992 einen Kandidaten zur Wahl. Diese breite Basis ermöglichte letztlich sein beeindruckendes Ergebnis mit über sechs Millionen Stimmen, davon über 60 Prozent in der Hauptstadt 1
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2023
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