FES BRIEFING NORWEGEN Gewerkschaftsmonitor April 2022 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die letzte Parlamentswahl im September 2021 führte zur Bildung einer Minderheitsregierung durch die sozialdemokratische Arbeiterpartei(Arbeiderpartiet, Ap) und die Zentrumspartei(Senterpartiet, Sp). Damit konnte die Regierung von Ministerpräsidentin Erna Solberg nach acht Jahren abgelöst werden. Eine derart lange Regierung unter Führung der konservativen Partei Høyre(H; deutsch: Rechte) ist in Norwegen ungewöhnlich. Die neue Mitte-Links Regierung wird gestützt von der Sozialistischen Linkspartei(Sosialistisk Venstreparti, SV). Diese war ursprünglich an den Koalitionsverhandlungen in Hurdal beteiligt, schied jedoch aus den Verhandlungen aus, nachdem sie die Pläne von Ap und Sp als nicht ambitioniert genug bemängelte. Die SV wollte insbesondere der weiteren Exploration von Ölfeldern ein Ende setzen und die Steuern für einkommensstarke Bevölkerungsschichten erhöhen. Als Duldungspartei erhofft sich die SV, mehr Einfluss auf die Minderheitsregierung ausüben zu können. Das neue Kabinett unter Ministerpräsident Jonas Gahr Støre übernahm am 14. Oktober 2021 die Regierungsgeschäfte. Auch wenn sich das Verhältnis zwischen den Gewerkschaften und der Regierung Solberg im Laufe der Zeit besserte, dürfte die neue Regierungskonstellation den Vorstellungen der Gewerkschaften eher entsprechen. So leistete der Gewerkschaftsdachverband LO(Landsorganisasjon i Norge) einen Beitrag im Wahlkampf und stellte der Arbeiterpartei 15 Millionen NOK(circa 1,5 Millionen Euro), der Sozialistischen Volkspartei fünf Millionen NOK(circa 500 000 Euro) und der Zentrumspartei drei Millionen NOK(circa 300 000 Euro) zur Verfügung. Damit erhöhte LO seine Wahlkampfunterstützung im Vergleich zur Wahl 2017 noch einmal deutlich. Zwischen dem größten Gewerkschaftsdachverband LO und den Sozialdemokraten bestehen auch historisch enge Verbindungen. Die übrigen Dachverbände treten politisch hingegen neutraler auf. Der Wahlkampf behandelte zu großen Teilen auch Themen, die für die Gewerkschaften von elementarer Bedeutung sind. So wurde beispielsweise umfangreich die Frage diskutiert, wie es mit der nationalen Öl- und Gasindustrie weitergeht und ob neue Fördergebiete erschlossen werden sollen. Mit der Bildung der neuen Regierung durch Ap und Sp ist der Fortbestand der norwegischen Öl- und Gasindustrie vorerst gesichert. Weitere wichtige Themen waren die soziale Gerechtigkeit, das Wohlfahrtssystem, sowie die Steuerpolitik und die Verteilung des Wohlstands. Der Start der neuen Regierung verlief jedoch keineswegs problemlos und die Honeymoon-Phase der Regierung Støre fiel äußerst kurz aus. Vor dem Hintergrund sehr hoher Infektionszahlen und von Strompreisen auf Rekordniveau verzeichneten die Parteien des Bündnisses zwischen Ap, Sp und SV fallende Umfragewerte. Die Verluste in den Umfragen liegen jedoch nur bei den beiden Regierungsparteien. Die stützende SV konnte hingegen Zugewinne erzielen, vermag damit den Gesamttrend aber nicht auszugleichen. Während die Arbeiterpartei im Vergleich zur Parlamentswahl nur moderate Verluste erlitt, brach die Zustimmung für die Zentrumspartei regelrecht zusammen. Von 28 bei der Wahl gewonnenen Mandaten, würde die Partei bei derzeitigen Wahlen 11 verlieren (Stand Januar 2022). Die Arbeiterpartei nähert sich zeitgleich wieder dem historischen Umfragetief des Vorjahres von unter 20 Prozent an. Neben der SV konnte auch die größte Oppositionspartei Høyre seit der Wahl hinzugewinnen und ist Umfragen zufolge derzeit die stärkste Kraft in Norwegen. Ebenfalls an Zustimmungen gewinnen konnte die marxistisch-sozialistische Partei Rot(Rødt, R). Konstant blieben hingegen seit der Wahl die Umfrageergebnisse der rechten Fortschrittspartei(Fremskrittspartiet, FrP) und der liberalen Venstre(V, wörtlich: Linke). Geringe Verluste zeigten sich bei der Christlichen Volkspartei(Kristelig Folkeparti; KrF) und den Grünen(Miljøpartiet De Grønne; MDG), die demzufolge auch derzeit die 4 Prozent-Hürde nicht überschreiten und nur über Direktmandate in das Parlament, den»Storting«, einziehen könnten. Rechnerisch würde der linke Block aber 1
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2022
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