FES BRIEFING NORWEGEN Gewerkschaftsmonitor Juli 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die letzte Parlamentswahl im September 2021 führte zur Bildung einer Minderheitsregierung durch die sozialdemokratische Arbeiterpartei(AP) und die Zentrumspartei(SP), die nach acht Jahren die konservative Regierung Solberg unter Führung der Partei Høyre(H) ablöste. Die neue Mitte-Links Regierung wird gestützt von der Sozialistischen Linkspartei(SV). Diese war ursprünglich an den Koalitionsverhandlungen beteiligt, schied jedoch aus, nachdem sie die Pläne von AP und SP als nicht ambitioniert genug bemängelte. Die SV wollte insbesondere der weiteren Exploration von Ölfeldern ein Ende setzen und die Steuern für einkommensstarke Bevölkerungsschichten erhöhen. Als Duldungspartei erhofft sie sich, mehr Einfluss auf die Minderheitsregierung ausüben zu können. Das neue Kabinett unter Jonas Gahr Støre übernahm am 14. Oktober 2021 die Regierungsgeschäfte. und gestiegener Energiepreise verzeichnete das Regierungsbündnis zwischen AP, SP und SV fallende Umfragewerte. Zwar erzielt die stützende SV in aktuellen Umfragen leichte Zugewinne im Vergleich zum Wahlergebnis auf nun 9 Prozent (Stand Mai 2023). Für die Zentrumspartei brach die Zustimmung jedoch regelrecht zusammen und erreicht mittlerweile nur noch 6 Prozent, während das Wahlergebnis noch bei 13,6 Prozent lag(Stand Mai 2023). Die Arbeiterpartei erlitt zunächst moderate Verluste und verlor im letzten Jahr stetig an Unterstützung. Während das Wahlergebnis 2021 noch bei 26,4 Prozent lag, befindet sich AP mit mittlerweile nur noch 19 Prozent Zustimmung in einem historischen Umfragetief, was die Partei im Hinblick auf die kommenden Kommunalund Regionalwahlen am 11. September 2023 vor Herausforderungen stellt. Gleichzeitig profitiert derzeit besonders Høyre von ihrer Rolle als Oppositionsführerin und wäre Umfragen zufolge derzeit mit 32 Prozent deutlich die stärkste Kraft in Norwegen(Stand Mai 2023). Die Zustimmungswerte verschieben sich zugunsten der Parteien rechts der Mitte, wodurch rechnerisch der linke Block aktuell auf keine Stimmenmehrheit mehr kommen würde. Auch wenn sich das Verhältnis zwischen den Gewerkschaften und der Regierung Solberg im Laufe der Zeit besserte, liegt die neue Regierungskonstellation deutlich näher an den Positionen der Gewerkschaften. So unterstützte der Gewerkschaftsdachverband LO(Landsorganisasjon i Norge) die neuen Regierungsparteien im Wahlkampf, etwa indem der Arbeiterpartei 15 Millionen NOK(circa 1,5 Millionen Euro), der Sozialistischen Volkspartei fünf Millionen NOK(circa 500 000 Euro) und der Zentrumspartei drei Millionen NOK(circa 300 000 Euro) zur Verfügung gestellt wurden. Damit erhöhte LO seine Wahlkampfunterstützung im Vergleich zur Wahl 2017 noch einmal deutlich. Zwischen dem größten Gewerkschaftsdachverband LO und den Sozialdemokraten bestehen auch historisch enge Verbindungen. Die übrigen drei Dachverbände treten politisch hingegen neutraler auf. Der Start der neuen Regierung verlief jedoch keineswegs problemlos, insbesondere durch die Folgen des Krieges in der Ukraine. Vor dem Hintergrund sehr hoher Inflationszahlen Es gibt verschiedene Gründe für die niedrigen Umfragewerte der Sozialdemokraten in Norwegen. Mit einem Wahlversprechen für eine Politik für die»normalen Leute« konnten die Regierungsparteien bisher die Erwartungen der Bevölkerung für einen Wandel nicht erfüllen. In der derzeitigen wirtschaftlichen Krise, die im wohlhabenden Norwegen als ungewöhnlich wahrgenommen wird, konnten auch die Hilfspakete der Regierung die Sorgen der Bevölkerung und die folgende Frustration nicht mildern. Die niedrigen Umfragewerte von SP können unter anderem damit erklärt werden, dass sie sich als Regierungspartei nicht mehr wie als Oppositionspartei gegen Zentralisierungen positionieren kann. Inhaltlich strebt die Regierung diverse Reformen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik an, wovon bereits einige umgesetzt werden konnten, die auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die Stärkung des Wohlfahrtstaates(u. a. Erhöhung des Alters für kostenlosen Zahnarztleistungen und Ausweitung von kostenlose Kinderfreizeiteinrichtungen) und die 1
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2023
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