Heft 
Februar 2020
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FES BRIEFING RUMÄNIEN Gewerkschaftsmonitor Februar 2020 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Im ersten Halbjahr 2019 übernahm Rumänien zum ersten Mal die EU-Ratspräsidentschaft, die überschattet war von den Auseinandersetzungen um die umstrittenen Justizrefor­men, die die sozialliberale Regierung aus PSD(Sozialdemo­kratische Partei) und ALDE(Allianz der Liberalen) seit ihrem Amtsantritt vorangetrieben hatte. Vor allem bereits straffäl­lig gewordene Politiker rund um PSD-Parteichef Liviu Drag­nea propagierten die vorgesehenen Änderungen, weshalb der nicht unbegründete Verdacht der Selbstbegünstigung immer im Raum stand. Die Europäische Kommission drohte mit der Einleitung eines Rechtsstaatsverfahrens und die So­zialdemokratische Partei Europas fror ihre Beziehungen zur PSD ein. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament wur­de die PSD massiv abgestraft: Erreichte sie bei den nationa­len Parlamentswahlen 2016 noch 46 Prozent, halbierte sie nun ihr Ergebnis und erreichte nur noch 23,5 Prozent. Des Weiteren sprachen sich die rumänischen Wähler_innen in ei­nem von Staatspräsident Iohannis gleichzeitig angesetzten Referendum mit großer Mehrheit gegen die Justizreformen aus. Einen Tag nach den EP-Wahlen wurde Parteichef Liviu Dragnea wegen eines Korruptionsdelikts verurteilt und in­haftiert. Ministerpräsidentin Viorica D ă ncil ă , die interimis­tisch den Parteivorsitz übernahm, distanzierte sich von den Justizreformen und ihrem Vorgänger. Die Konflikte mit der Europäischen Kommission kamen somit zu einem Ende; in­nenpolitisch blieb es jedoch unruhig: Im August verabschie­dete sich der Juniorpartner, die liberale ALDE, aus der Koali­tion. D ă ncil ă kündigte an, weiterregieren zu wollen, schei­terte jedoch im Oktober an einem Misstrauensvotum. In der Folge übernahm die konservativ-liberale PNL unter Ludovic Orban die Regierungsgeschäfte, unterstützt durch mehrere kleinere Parteien. Die Präsidentschaftswahlen im November brachten der PSD eine weitere Niederlage bei: D ă ncil ă un­terlag Amtsinhaber Iohannis in der Stichwahl und erzielte mit 34 Prozent das schlechteste Ergebnis für die PSD seit 1989. Die Institutionen werden nun von konservativ-liberalen Kräf­ten dominiert. War während der Kohabitation von Präsident Iohannis und der PSD-geführten Regierung Korruption das alles dominierende Thema, besteht nun die Chance, dass so­ziale Fragen in der politischen Auseinandersetzung wieder mehr Gewicht bekommen. Die PSD sorgte während ihrer Amtszeit für einen steten Anstieg von Pensionen und Löh­nen; anderer wichtiger Herausforderungen, wie etwa der ex­trem arbeitnehmerfeindlichen Arbeitsgesetzgebung die damalige Mitte-rechts-Regierung hatte 2011 im Zuge der Fi­nanzkrise das Arbeitsrecht dereguliert und mit einem neuen Gesetz über sozialen Dialog die Gewerkschaften geschwächt , nahm sie sich hingegen nicht an. Wie sich die PSD nach diesen Niederlagen neu ausrichten wird und ob es ihr gelingt, mit einer progressiven Agenda wieder mehr, auch jüngere Wähler_innen, anzusprechen, bleibt abzuwarten. Eine ande­re progressive politische Kraft ist derzeit nicht in Sicht. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Rumänien ist derzeit eines der EU-Länder mit dem größten BIP-Wachstum(2019: 4 Prozent). Das rumänische Wirt­schaftsmodell als EU-Niedriglohnland ist jedoch nicht nach­haltig und ohne dringend benötigte Investitionen in Infra­struktur, Bildungs- und Gesundheitssystem wird der weitere Aufholprozess schwierig werden. Wie auch in anderen Län­dern der Region liegen wesentliche Gründe für das Wachs­tum in den vergleichsweise günstigen Produktionsbedingun­gen im EU-Vergleich, mit anderen Worten: den geringen Löhnen. Problematisch ist aber, dass die positiven Wirkun­gen des aktuellen Booms nicht bei allen Bürger_innen glei­chermaßen ankommen und Ungleichheit und Marginalisie­rung sogar noch verschärfen. Einen erheblichen Anteil am Wachstum haben hohe Steigerungen des privaten Konsums begünstigt durch einen deutlichen Anstieg der Gehälter in Teilen des öffentlichen Dienstes sowie Steuererleichterun­gen(10 Prozent»flat tax« auf alle Einkommensarten). Die 2017 zum Gesetz gewordene, EU-weit einmalige Über­tragung der Zahlung aller Sozialabgaben ausschließlich auf 1