FES BRIEFING SERBIEN Gewerkschaftsmonitor März 2020 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die serbische Innenpolitik wird seit sieben Jahren von Aleksandar Vu č i ć und seiner Fortschrittspartei(SNS) dominiert. Seit sie an die Macht kam, hat sie die Opposition hinweggefegt und die staatlichen Institutionen ihren Parteiinteressen unterworfen. Die Kritik der Opposition und internationaler Beobachter richtet sich vor allem gegen die Einschränkungen der Pressefreiheit, gegen die Missachtung demokratischen Verfahrensweisen und gegen die Schwächung der Rolle des serbischen Parlaments angesichts einer übermächtigen Exekutive. Teile der zersplitterten Opposition schlossen sich deshalb im Herbst 2018 zu einem»Bündnis für Serbien« zusammen. Neben liberalen Politikern, die aus der ehemals regierenden Demokratischen Partei(DS) hervorgingen, wie z. B. dem vormaligen Bürgermeister von Belgrad, Dragan Djilas, gehört dem Bündnis des Weiteren auch die kleinere nationalistische Partei »Dveri« an. Die oppositionellen Politiker werfen Vu č i ć vor, mittels staatlicher Gelder Serbien als ein Billiglohnland zu etablieren. Dennoch bleibt das sowohl sozio-ökonomische als auch ideologische Profil der oppositionellen Kräfte unklar. Deshalb ist der wahrscheinlichste Ausgang der im Frühjahr 2020 bevorstehenden Parlamentswahlen in Serbien der Gewinn einer absoluten Mehrheit für die regierende serbische Fortschrittspartei. Der andauernde Boykott der Parlamentsarbeit und die Protestwelle auf den Straßen der Hauptstadt im Frühjahr 2019 hatten die Oppositionsparteien genutzt, um auf die Aushöhlung der demokratischen Institutionen und Missstände in der Medienlandschaft Serbiens aufmerksam zu machen. Auch wenn einige Oppositionsparteien den Boykott der Wahlen ankündigten, sollten substanzielle Veränderungen nicht durchgesetzt werden, dürfte der Wahlgewinn der Regierungspartei nicht gefährdet sein. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Für 2019 wird ein Anstieg des Bruttoinlandprodukts um 3,3 Prozent für Serbien erwartet. Die(ausländischen) Investitionen als ein wichtiger Faktor bei der Stabilisierung der makroökonomischen Indikatoren nehmen auch im laufenden Jahr 2020 voraussichtlich robust zu. Dies hat zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit und steigendem Wirtschaftswachstum geführt. So sank die Arbeitslosigkeit von 25,5 Prozent im Jahr 2012 auf fast die Hälfte(12,9 Prozent) im Jahr 2019. Serbien wird dabei vor allem aufgrund des niedrigen Lohnniveaus als Produktionsstandort ausgewählt; außerdem profitieren die investierenden Unternehmen aus dem Ausland von Steuerbefreiungen und Subventionen des serbischen Staates. So lag das durchschnittliche monatliche Nettogehalt eines Arbeitnehmers in Serbien laut nationalem Statistikdienst im Januar 2019 bei ca. 460 Euro, der staatliche Mindestlohn beträgt gegenwärtig ca. 270 Euro netto monatlich. Weiterhin bescheinigt der IWF dem Land große Fortschritte etwa bei der gebändigten Inflation oder der Staatsverschuldung. Durch einen Konsolidierungskurs in der Haushaltspolitik konnte die Staatsverschuldung von 71 Prozent(2015) des BIP auf 54 Prozent im Jahr 2019 gesenkt werden. Dies ist auf ein Reformpaket aus dem Jahr 2015 zurückzuführen, das Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst sowie bei den Renten beinhaltet hat. Die Niedriglohn-Strategie ändert nichts an den bestehenden Defiziten in der Wettbewerbsfähigkeit; die Funktionsfähigkeit der Institutionen bleibt gering. Eine grundlegende Reform des öffentlichen Sektors, die allen Bürger_innen ein Mindestmaß an Zugang zu staatlichen Dienst- und Sozialleistungen garantiert, fehlt ebenso wie eine zielgerichtete Sozialpolitik, die wirklich Bedürftige hinreichend unterstützt und die wachsende Armut bekämpft. Die Ungleichheit, gemessen mit dem Gini-Koeffizienten, ist in Serbien höher als in den Nachbarländern und allen anderen europäischen Staaten. Besonders deutlich wird die Ungleichverteilung des Einkommens, wenn man die reichsten 20 Prozent mit dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung vergleicht: Die oberen 20 Prozent haben fast zehnmal(9,7) mehr verfügbares Einkommen als die ärmsten – das ist in Europa einmalig. Dies ist auf die geringe Umvertei1
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2020
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