FES BRIEFING SLOWAKEI Gewerkschaftsmonitor Mai 2022 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die politische Lage in der Slowakei wurde 2021 vor allem durch zwei Faktoren bestimmt. Zum einen beeinflusst die seit zwei Jahren anhaltende Covid-19-Pandemie die Politik und Gesellschaft maßgeblich. Insolvente und verschuldete Unternehmen und der Wegfall von Arbeitsplätzen stellen sozial- und wirtschaftspolitische Herausforderungen dar. Die Verschuldung von Einzelpersonen betrifft oft diejenigen am härtesten, die aufgrund ihres niedrigen Einkommens sowie instabiler Arbeitsverhältnisse ohnehin schlecht dastehen und diesen Risiken besonders stark ausgesetzt sind. Wiederholte Schulschließungen und Quarantänephasen belasten viele Menschen darüber hinaus auch in psychologischer Hinsicht. Zum anderen verlieren die Regierung und die Koalitionsparteien durch ihr politisch wie auch fachlich zuweilen äußerst unprofessionelles Pandemiemanagement – etwa durch völlig ungenügende und schlecht organisierte Pandemiehilfe gegenüber Unternehmen und der Bevölkerung – drastisch an Zustimmung. So liegen die Umfragewerte der Gewinnerin der Parlamentswahlen 2020, der Partei O Ľ aNO(Oby č ajní ľ udia a nezávislé osobnosti,»Gewöhnliche Leute und unabhängige Personen«), die 25,03 Prozent der Stimmen erhielt, bei aktuell etwa 8 Prozent. Der ehemalige Premierminister und aktuelle Finanzminister Igor Matovi č ist gegenwärtig einer der unbeliebtesten Politiker des Landes. Ungenügende Regierungserfahrung, aber auch die persönlichen Eigenschaften des nominellen Anführers der Regierungskoalition, tragen wesentlich zum teilweise sehr schlechten Bild und Auftritt der Regierung bei. Mit Ausnahme der neoliberalen SaS(Sloboda a Solidarita,»Freiheit und Solidarität«), der kleinsten Partei der Regierung und mit den mittlerweile höchsten Zustimmungswerten, sind auch die sonstigen Regierungsparteien entweder in der Wählergunst abgerutscht(z. B. die Partei»Sme-rodina«(»Wir sind eine Familie«) des Parlamentspräsidenten Boris Kollar(die viele Regierungsinitiativen aktiv torpediert), oder zersplittert, wie im Fall der Partei»Za ľ udí«(»Für die Menschen«) der stellvertretenden Premierministerin Veronika Remišová, die mittlerweile nicht mehr auf die Unterstützung der eigenen Parlamentsfraktion zählen kann. Dem aktuellen Premierminister, Eduard Heger, der zwar die Koordination und somit das allgemeine Bild des Regierungshandelns nach der Koalitionskrise und dem Abtritt des Premierministers Igor Matovi č im März 2021 stabilisiert und normalisiert hat, fehlen das nötige Charisma und die Führungsqualitäten, die es für eine wesentliche Verbesserung der Außenwirkung der Regierung bräuchte. Zwar ließe sich schlussfolgern, dass dank des Wechsels des Premierministers die Regierungskoalition noch funktioniert, für einen positiven Aufbruch reichen die Fähigkeiten von Eduard Heger jedoch nicht. Die Regierung kann einige Erfolge vorweisen, etwa die Verabschiedung und Einleitung des großen EU-finanzierten Aufbauplans, mit dem wesentliche Reformen verbunden sind. Diese treffen jedoch – auch bedingt durch politisches Ungeschick und fehlende Erfahrung – in den verschiedenen Phasen des Gesetzgebungsprozesses vielfach auf Widerstand, teilweise auch aus Reihen der Koalition. Das negative Bild der konservativ-liberalen Regierungskoalition wird zudem durch den Wiederaufstieg von Teilen der Opposition befeuert, die nach den Wahlen 2020 mehr oder weniger abgeschrieben wurden. Der langjährige, nominell sozialdemokratische Premierminister Robert Fico(Smer – sociálna demokracia, Smer-SD,»Richtung – Sozialdemokratie«) galt vor der Migrationskrise 2015 für viele Europäische Sozialdemkrat_innen noch als Prototyp eines demokratischen Mitte-Links-Politikers mit Führungsanspruch in Osteuropa. 2018 förderten die Ermittlungen zur Ermordung des Investigativ-Journalisten Ján Kuciak und dessen Verlobten korrupte und mafiöse Strukturen innerhalb von Polizei und Staatsanwaltschaft zu Tage. Jene Ermittlungen führten nicht nur zu Ficos Rücktritt als Premierminister noch im selben Jahr, sondern auch zu dessen Wahlniederlage 2020. Die»Entbindung der Hände« der Polizei, die nach dem Mord an Kuciak und nach dem Regierungswechsel kam und in deren Zuge die Polizei auch gegen die mit Smer-SD in Verbindung gebrachten größten Oligarchen des Landes mit Verhaftungen und Anklagen vorging, belasteten das ohnehin schwer geschwächte Image von Robert Fico und Smer-SD zusätzlich. 1
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2022
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