FES BRIEFING SYRIEN Gewerkschaftsmonitor April 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Zwischen der Unabhängigkeit Syriens im Jahr 1946 und dem Militärputsch der von den Baathisten dominierten arabischen Nationalisten im Jahr 1963 wurde Syrien von traditionellen Großgrundbesitzer_innen und Kaufleuten regiert. Der radikale Flügel der Baath-Partei unter Salah Dschadid, der zwischen 1966 und 1970 an der Macht war, führte Agrarreformen und Verstaatlichungen durch und sorgte für den Aufbau eines großen öffentlichen Sektors. Diese Maßnahmen verringerten die Klassenunterschiede erheblich und führten gleichzeitig ein Sozialversicherungssystem, kostenlose staatliche Dienstleistungen, subventionierten Wohnraum, kostenlose Bildung und eine öffentliche Gesundheitsversorgung ein, wovon große Teile der Arbeiter_innenklasse und der Kleinlandwirt_innen profitierten. Der von Hafiz al-Assad angeführte Staatsstreich von 1970 sowie die anschließende»Korrekturbewegung« beendeten die radikale sozioökonomische Politik und leiteten einen fortschreitenden Prozess der langsamen, aber schrittweisen wirtschaftlichen Liberalisierung ein, der in den 1980er-Jahren von Sparmaßnahmen begleitet wurde und darauf abzielte, die Unterstützung von Teilen der Bourgeoisie in Damaskus zu gewinnen. Nach dem Tod von Hafiz al-Assad und der Machtübernahme seines Sohnes Baschar al-Assad im Jahr 2000 wurde der patrimoniale Charakter des Staates in den Händen der Familie Assad und ihrer Verwandtschaft durch eine beschleunigte neoliberale Politik und den Austausch von Teilen der alten Garde durch Verwandte oder Assad nahestehende Personen erheblich gestärkt. Gleichzeitig wurde die Abhängigkeit von korporatistischen Organisationen, einschließlich Gewerkschaften und Bauernverbänden, die den Zugang und die Präsenz des Regimes in ländlichen und peripheren Gebieten sicherstellen, erheblich geschwächt. Stattdessen wurde die Bedeutung der Sicherheitsdienste in diesen Gebieten weiter gestärkt. Diese Politik zielte darauf ab, die private Akkumulation vor allem durch die Vermarktlichung der Wirtschaft zu fördern, während sich der Staat aus den Schlüsselbereichen der Sozialfürsorge zurückzog, was die bereits bestehenden sozioökonomischen Probleme verschärfte. Dies war jedoch kein vollumfänglicher Prozess: Der syrische Staat behielt eine relativ wichtige Rolle in der Wirtschaft, da er rund 25 Prozent der syrischen Arbeitskräfte beschäftigte und – mit Ausnahme einiger Grundstücke am Euphrat – keine größeren staatlichen Vermögenswerte veräußerte. Von dieser neoliberalen Politik, die auch mit Sparmaßnahmen einherging, profitierten vor allem die syrische Oberschicht und ausländische Investor_innen, insbesondere aus den Golfmonarchien und der Türkei, was zulasten der großen Mehrheit der verschiedenen Bevölkerungsschichten in Syrien ging, die von der Inflation und den steigenden Lebenshaltungskosten betroffen waren. Dies spiegelte sich auch im Arbeitsgesetz Nr. 17 aus dem Jahr 2010 wider, das die Beziehungen zwischen Arbeitnehmer_innen und Arbeitgebern im privaten, öffentlich-privaten und genossenschaftlichen Sektor regelte und den Arbeitgebern in Artikel 64 des Gesetzes das Recht einräumte, ihre Arbeitnehmer_innen ohne jegliche Begründung und nur mit einer begrenzten Entschädigung zu entlassen. Der Aufstand in Syrien begann im März 2011 und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem zerstörerischen Krieg, an dem zahlreiche Akteure(regionale, internationale und nichtstaatliche) beteiligt waren. Nach mehr als zwölf Jahren Krieg ist Syrien immer noch in mehrere Einflusszonen aufgeteilt, die vom syrischen Regime, der Autonomen Administration Nord- und Ostsyriens(AANES) im Nordosten sowie Hay’at Tahrir al-Sham(HTS) und den türkischen Behörden im Nordwesten kontrolliert werden. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Syrien hat durch die Auswirkungen des Krieges und den jahrelangen Konflikt massive Zerstörungen erlitten. Die Struktur 1
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2024
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