FES BRIEFING TSCHECHIEN Gewerkschaftsmonitor Mai 2022 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die Parlamentswahlen vom 8. und 9. Oktober 2021 haben die politische Landschaft Tschechiens nachhaltig verändert. Zwei für die Wahlen neu formierte Parteibündnisse bilden die Regierungskoalition: Das konservativ-liberale Wahlbündnis SPOLU(»gemeinsam«), bestehend aus der Demokratischen Bürgerpartei(Ob č anská demokratická strana, ODS), die mit Petr Fiala den Premierminister stellt, der christdemokratischen Partei Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei(K ř es ť anská a demokratická unie – Č eskoslovenská strana lidová, KDUČ SL) und der konservativen TOP 09(TOP steht für»tradice, odpov ě dnost, prosperita«, deutsch:»Tradition, Verantwortung, Prosperität«); sowie das Bündnis zwischen der Bürgermeisterpartei STAN(Starostové a nezávislí, deutsch: Bürgermeister und Unabhängige) und den Piraten( Č eská pirátská strana; Kurzbezeichnung Piráti, ehemals Č PS). Fiala löste somit Andrej Babiš von der populistischen ANO(»ano« bedeutet auf Tschechisch ‚ja‘, zugleich steht es für akce nespokojených ob č an ů ,»Aktion unzufriedener Bürger«) als Premierminister ab. Im Mittelpunkt des Wahlkampfes stand vor allem die Person Andrej Babiš, dem u. a. private Interessenskonflikte und EU-Subventionsbetrug vorgeworfen wurden. Fiala hatte deshalb jegliche Zusammenarbeit mit ANO nach der Wahl stets kategorisch ausgeschlossen. ANO bildet nun zusammen mit der rechtsextremen SPD (Svoboda a p ř ímá demokracie, deutsch: Freiheit und direkte Demokratie) von Tomio Okamura die Opposition. Die politische Linke in Tschechien ist hingegen marginalisiert. Sowohl die zuvor mitregierende sozialdemokratische Č SSD( Č eská strana sociáln ě demokratická) als auch die Kommunistische Partei KS Č M(Komunistická strana Č ech a Moravy, deutsch: Kommunistische Partei Böhmens und Mährens) haben den Wiedereinzug in das Parlament erstmals seit Gründung der Tschechischen Republik verpasst. Petr Fiala ist der insgesamt 13. Premierminister seit der Samtenen Revolution von 1989. Er gilt als besonnen und hat sich im Wahlkampf als Antipode zu Andrej Babiš inszeniert. Es gilt als sicher, dass seine konsequente Absage an eine Koalition mit der ANO in jedweder Form wesentlich zu seinem Wahlerfolg beigetragen hat. Fiala betonte auch nach der Wahl immer wieder, dass er für eine andere und vor allem eine»demokratischere« Art der Politik stehen würde. Was damit konkret gemeint ist, bleibt jedoch oftmals vage. Der neuen Regierung stellen sich unmittelbar mit Amtsantritt zahlreiche Herausforderungen. Die dringlichste Aufgabe ist aktuell die Bewältigung der Corona-Pandemie. Im Kampf gegen das Virus setzt die Regierung dabei verstärkt auf die Eigenverantwortung der Bürger_innen. Im Februar 2022 wurden bereits viele Maßnahmen wie z. B. die 2-G-Regel für Restaurantbesuche aufgehoben und es zeichnet sich bereits ab, dass im März weitere Lockerungen folgen könnten. Zwar hat die Omikron-Welle in Tschechien inzwischen ihren Höhepunkt wohl erreicht, aber von einer völligen Entspannung kann bei einer landesweiten 7-Tage-Inzidenz von ca. 1 500 pro 100 000 Einwohner_innen nicht die Rede sein. Ähnlich wie in Deutschland sind die Omikron-Fälle hierzulande aber auch überwiegend milde verlaufen, so dass die Situation in den Krankenhäusern derzeit stabil ist. Darüber hinaus belasten auch in Tschechien rasant steigende Energiepreise und hohe Inflationsraten viele Arbeitnehmer_innen spürbar. So haben in Folge der Preissteigerungen die meisten Tschech_innen deutlich weniger Geld zur Verfügung. Des Weiteren hat die neue Regierung angekündigt, den Haushalt in den kommenden vier Jahren zu konsolidieren und die Neuverschuldung zu begrenzen. Dies soll ohne Steuererhöhungen gelingen, weshalb zu befürchten ist, dass es zu weiteren Kürzungen und Stellenstreichungen kommt, etwa in der Verwaltung und im sozialen Bereich. In der zweiten Jahreshälfte 2022 wird Tschechien zudem den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft von Frankreich übernehmen. Hier ist ein Fokus auf die Digitalisierung sowie den Übergang hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu erwarten. Abzuwarten bleibt, wie sich der Krieg in der Ukraine bis dahin entwickelt und sich auf die EU- bzw. Tschechische Ratspräsidentschaft auswirken wird. 1
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2022
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