FES BRIEFING TSCHECHIEN Gewerkschaftsmonitor September 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Seit den Parlamentswahlen im Oktober 2021 bilden insgesamt fünf Parteien die stark wirtschaftsliberale und kulturell tendenziell konservative Regierungskoalition in Tschechien: die Bürgerdemokraten von der ODS(Ob č anská demokratická strana, Demokratische Bürgerpartei), die christdemokratische KDUČ SL( Č eskoslovenská strana lidová, Christliche und Demokratische Union) und ihre liberalere Absplitterung TOP 09(tradice, odpov ě dnost, prosperita, Tradition, Verantwortung, Prosperität), die als Zusammenschluss von Bürgermeister*innen entstandene STAN(Starostové a nezávislí, Bürgermeister*innen und Unabhängige) sowie die Piraten-Partei. Den Großunternehmer und Medienmogul Andrej Babiš von der Ein-Mann-Partei ANO(akce nespokojených ob č an ů , Aktion unzufriedener Bürger), die mit den Sozialdemokraten als Juniorpartner bis dahin regiert hatte, löste nach einem knappen Wahlausgang als Premierminister Petr Fiala von der ODS ab. Im Mittelpunkt des Wahlkampfes stand vor allem die Person von Andrej Babiš, dem unter anderem Interessenskonflikte und EU-Subventionsbetrug vorgeworfen werden. Ihn abzuwählen war entsprechend das erklärte Hauptziel der fünf Parteien, die sich zu diesem Zweck zu zwei Wahlbündnissen vereint haben. Dadurch gerieten jedoch jedwede programmatischen Auseinandersetzungen in den Hintergrund. Es kam im Gegenteil zu einer Konsolidierung des Parteienspektrums in zwei sich gegenüberstehende, verhärtete Lager. Die Spaltung zwischen ihnen kopiert tiefere Konfliktlinien in der tschechischen Gesellschaft, vereinfacht ausgedrückt die zwischen den Wendegewinnern und-verlierern, die jedoch vom Stellvertreterkonflikt um die Person von Babiš weitgehend überdeckt und damit politisch unverarbeitet bleiben. ANO bildet nun zusammen mit der Rechtsaußen-Partei SPD (Svoboda a p ř ímá demokracie, Freiheit und direkte Demokratie) die parlamentarische Opposition. Die politische Linke ist hingegen marginalisiert – sowohl die sozialdemokratische Č SSD( Č eská strana sociáln ě demokratická, Tschechische Sozialdemokratische Partei, seit Juni 2023 im Rahmen einer Image-Erneuerung in SOCDEM, Sociální demokracie, Sozialdemokratie umbenannt) als auch die Kommunisten von der KS Č M(Komunistická strana Č ech a Moravy, Kommunistische Partei Böhmens und Mährens), haben erstmals seit 1989 den Wiedereinzug in das Parlament verpasst. Die Gründe dafür sind komplex, zu den wichtigsten gehören sicherlich die Wähler*innenwanderung von konservativeren Sozialdemokrat*innen in das Lager von Babiš sowie die Abkehr von liberal eingestellten Linken aufgrund der Regierungskoalition der Č SSD mit Babi š in den vorausgegangenen zwei Amtszeiten. Die Fiala-Regierung sah sich seit ihrem Amtsantritt mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Während die Covid-Pandemie in den ersten Monaten ihrer Amtsperiode auch ohne ihr besonderes Zutun abklang, änderte die russische Aggression in der Ukraine die politischen Rahmenbedingungen vollkommen, zumal die tschechischen Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2022 auch maßgeblich die Reaktion der gesamten EU hierauf mitgestaltete. Galt das Land zunächst(und im Kontrast zu seiner Haltung bei der Flüchtlingswelle nach 2015) als Musterschüler, was die staatliche wie private Bereitschaft zur Aufnahme und Versorgung von Hunderttausenden ukrainischer Geflüchteten angeht, zeigen sich mit der Zeit sowohl diverse Schwierigkeiten der offiziellen Stellen bei deren längerfristiger Integration als auch ein stetig sinkender Rückhalt für Integrations- sowie militärische Hilfe in der Bevölkerung. Neben allgemeinen Ermüdungseffekten kann letzteres auch auf die miserable Performance der Regierung bei der Bewältigung der Energie- und Inflationskrise zurückgeführt werden. Nicht nur ließ sie aufgrund ihrer Laissez-Faire-Überzeugung und der Bedienung ihrer Klientel, zu der unter anderem das große Business zählt, Tschechien zu einem der europäischen Spitzenreiter bei der Teuerung und dem damit einhergehenden Reallohnverlust aufsteigen, sondern wählte 1
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2023
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