FES BRIEFING TÜRKEI Gewerkschaftsmonitor Juni 2019 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die gleichzeitig im Juni 2018 durchgeführte Präsidenten- und Parlamentswahl spiegelten in ihren Ergebnissen weitgehend die bereits im Vorjahr beim Verfassungsreferendum deutlich gewordene Spaltung in zwei große Lager wider. Während Staatspräsident Erdo ğ an mit 52,5 Prozent bereits im ersten Wahlgang wiedergewählt wurde, verlor die AKP bei der Parlamentswahl 7,1 Prozentpunkte und erreichte 42,4 Prozent. Mit 11,4 Prozent gelang der HDP der Sprung über die 10prozentige Sperrklausel. Wahlanalysen zeigen, dass sich Wählerwanderungen vor allem innerhalb der Wahlbündnisse ergaben, die bei dieser Wahl erstmals möglich wurden. Zur Wahl angetreten war ein Bündnis von AKP und MHP, dem ein Bündnis aus CHP, Iyi Partei und Saadet Partei gegenüberstand. Die HDP trat allein an. Ausgelöst wurde die vorgezogene Wahl durch den MHP- Vorsitzenden Devlet Bahçeli mit der Begründung, dass in Zeiten, in denen die Existenz der Türkei auf dem Spiel stehe, klare Mehrheitsverhältnisse bestehen sollten und der Übergang zum Präsidialsystem unverzüglich vollzogen werden müsse. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass die absehbare Verschlechterung der Wirtschaftslage zu dieser Entscheidung beigetragen hat. Während die AKP und Erdo ğ an ihren Wahlkampf mit der Botschaft»Stabilität und Kontinuität« führten, setzten Ince und die CHP mit dem Slogan»Versöhnung und Gemeinsamkeit« dagegen. AKP und MHP stellten in ihrem Wahlkampf das Bild einer von Feinden umgebenen Türkei in den Vordergrund, die um ihre Existenz kämpft. Die Opposition wiederum kündigte die Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie an. Die Bewerber hatten einen sehr ungleichen Zugang zur Öffentlichkeit. Dazu trug nicht zuletzt bei, dass die Do ğ an Medienholding im April 2018 an die regierungsnahe Demirören Gruppe verkauft wurde. Während Reden von Staatspräsident Erdo ğ an mehrfach täglich landesweit übertragen wurden, wurde über den Wahlkampf der Opposition kaum berichtet. Doch auch jenseits von Wahlkampfzeiten: Mit der DHA Nachrichtenagentur ist die letzte nicht direkt unter Kontrolle von Regierungsanhängern stehende landesweite Agentur ausgefallen. Andere waren durch Ausnahmezustandsverordnungen aufgelöst und vor allem kurdische durch Internetblockaden zum Schweigen gebracht worden. Zahlreiche profilierte Journalisten und Kolumnisten verließen nach dem Übergang an die Demirören Gruppe renommierte und auflagenstarke Zeitungen und Medien wie Hürriyet, Post, CNN Türk oder Kanal D. Doch auch neben diesen eher wirtschaftlichen Faktoren geht das Vorgehen gegen Meinungsäußerungen weiter. Angaben des Innenministeriums zufolge wurden in 2018 13.500 Ermittlungsverfahren wegen Beiträgen in sozialen Medien eingeleitet. Im Vordergrund steht dabei der Vorwurf der Terrorismuspropaganda und der Präsidentenbeleidigung. Bei beiden Tatbeständen wird häufig Untersuchungshaft angeordnet. Die erste Instanz der Verfahren um den gescheiterten Militärputsch 2016 ist weitgehend abgeschlossen. Die Zahl der»erschwert lebenslänglich« Urteile wird mit 2.000 angegeben. Nun müssen diese Urteile noch durch den Kassationsgerichtshof bestätigt werden. Zugleich macht die Kommission zu Ausnahmezustandsentscheidungen nur langsame Fortschritte. Sie befasst sich insbesondere mit Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst. Von den 125.000 vorliegenden Prüfungsanträgen wurden bis November 2018 42.000 entschieden. Nur einer geringen Zahl wurde stattgegeben, doch ist der Spruch der Kommission Voraussetzung für eine gerichtliche Prüfung. Mit der zunehmenden internationalen Kritik, dass auch ein Jahr nach der Inhaftierung des bekannten NGO-Akteurs Osman Kavala keine Anklage gegen ihn erhoben wurde, nahm die türkische Justiz im November und Dezember 2018 wieder Ermittlungen zu den Gezi Park Protesten vom Sommer 2013 auf. In diesem Zusammenhang wurden Personen aus dem Vorstand der Organisation»Anadolu Kültür« zunächst festgenommen, bis auf eine jedoch wieder freigelassen. Hintergrund ist nicht zuletzt die These, die auch vom Staatspräsidenten verbreitet wird, dass für die Proteste internationale Geheimdienste und die Open Society Stiftung von George Soros verantwortlich 1
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2019
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