FES BRIEFING TÜRKEI Gewerkschaftsmonitor Juli 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG In den letzten Monaten sah sich die Türkei immer größeren gesellschaftlichen und politischen Spannungen sowie einer rasant abbauenden wirtschaftlichen Lage gegenüber. Die anstehenden Wahlen sorgten für eine verstärkte politische Polarisierung und die hohe Inflationsrate und Lira-Abwertung erhöhten aus Sicht vieler Menschen die Dringlichkeit des politischen Wandels. Zum ersten Mal seit langem bestand für das oppositionelle Lager die Hoffnung auf Veränderung, die sich allerdings durch den knappen Wahlsieg von Staatspräsident Recep Tayyip Erdo ğ an schließlich nicht erfüllte. Infolge der Erdbeben am 6. Februar 2023, deren Epizentrum sich in der Nähe der Stadt Gaziantep befand, kamen laut offiziellen Angaben 50 000 Menschen auf türkischem Staatsgebiet ums Leben. Etwa eine Million Menschen sind obdachlos geworden und müssen in Zelten und Notunterkünften untergebracht werden. Zusätzlich wurde durch die Naturkatastrophe eine große Welle an Binnenmigration ausgelöst. Die Beben hatten auch politische Auswirkungen, denn viele Gebäudeeinstürze hätten durch eine bessere Bauweise verhindert werden können. So wurde beklagt, dass durch Bauamnestien unsichere Gebäude im Nachgang zertifiziert wurden und die Bergungsarbeiten nach den Erdbeben unkoordiniert waren und zu spät kamen. Gleichwohl hatte das Erdbeben in der Summe keine relevanten Auswirkungen auf das Wahlergebnis. In naher Zukunft wird der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete eine große Rolle spielen. Das stellt das Land vor finanzielle Schwierigkeiten und vor die Gefahr der schwierigen Arbeitsbedingungen eines solchen Unterfangens. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Auch nach dem Ende der Covid-Pandemie befindet sich die türkische Wirtschaft in einer sehr schwierigen Situation. Geldpolitische Entscheidungen im Frühjahr 2020 sorgten zwar für eine kurzfristige wirtschaftliche Belebung nach den starken Einschränkungen von März und April. Doch sie mündeten seit August 2020 in einer erneuten Abwertung der Türkischen Lira, die durch die Niedrigzinspolitik der türkischen Zentralbank im Oktober erneut verstärkt wurde. Das gleiche Vorgehen sorgte im Jahr 2021 für eine immer schnellere Entwertung der Lira gegenüber Dollar und Euro und, befeuert durch gestiegene Importpreise, zu einer Rekordinflation. Diese wird vom nationalen Statistikinstitut für den März 2023 mit 50,51 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat angegeben. Unabhängige Institute gehen allerdings im März von einer Inflationsrate von 112,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat aus. Entgegen orthodoxer Theorien und den Markterwartungen wurden auch in der Folgezeit die Leitzinsen nicht erhöht. Ende 2022 senkte die türkische Zentralbank die Leitzinsen auf 9 Prozent. Es war die vierte Leitzinssenkung in Folge. Die Konsequenz ist ein immer weiter anhaltender Anstieg der Inflation und eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung. Zwar ist den offiziellen Zahlen des Türkischen Statistikinstituts zufolge die Arbeitslosigkeit im Januar 2023 auf 9,7 Prozent zurückgegangen(bei 20,2 Prozent Jugendarbeitslosigkeit), zugleich stagniert jedoch die Gesamtzahl der Beschäftigten. Dass sich dies nicht in der Arbeitslosenquote niederschlägt, liegt daran, dass als arbeitslos nur gezählt wird, wer sich aktiv um eine Beschäftigung bemüht. Der Mindestlohn in der Türkei wurde zuletzt im Januar 2023 auf ca. 8 500TL(etwa 408€) im Monat erhöht. Dieser liegt deutlich unter der Grenze von 9 425TL, wie sie vom Gewerkschaftsbund Türkİş als»Hungergrenze« für eine vierköpfige Familie ermittelt wurde, geschweige denn der Armutsgrenze, die für eine vierköpfige Familie bei etwa 30 700TL liegt. Während der Pandemie wurden von türkischen Arbeitnehmer*innen die tatsächliche oder drohende Arbeitslosigkeit als größtes Problem wahrgenommen. Dies ermittelte das Forschungszentrum des Gewerkschaftsdachverbands DISK. Verschärft wird der durch die Wirtschaftskrise und die Pandemieeffekte verursachte Einkommensverlust durch die hohe und immer weiter ansteigende Inflation. Diese war bereits im 1
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