FES BRIEFING UKRAINE Gewerkschaftsmonitor April 2021 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Mehr als eineinhalb Jahre nach der überraschenden Wahl des Comedians Wolodymyr Selenskyj zum Präsidenten der Ukraine und dem durchschlagenden Wahlerfolg seiner Newco-mer-Partei»Diener des Volkes« in den vorgezogenen Parlamentswahlen ist die neue Führung in der tristen Realität der ukrainischen Tagespolitik angekommen. Die großen Erwartungen an eine Friedenslösung im Donbass, Wirtschaftswachstum, eine Besserung der sozialen Lage und ein entschlossenerer Kampf gegen die Korruption haben sich bislang kaum erfüllt. Häufige Personalwechsel im Büro des Präsidenten, im Kabinett und auf Ebene der Gouverneure beschreiben ein System»permanenter Rotation«, bei welchem es auf ein geschicktes Verhandeln mit allen oligarchischen Einflussgruppen ankommt, um sich politische Handlungsfähigkeit zu sichern. Strukturelle Reformen kritischer Bereiche sind unter diesen Bedingungen kaum anzugehen. Die Corona-Krise droht zu allem Überfluss, den jüngsten zaghaften Wirtschaftsaufschwung in die schlimmste Talfahrt seit dem Beginn des Donbass-Krieges zu verwandeln und Selenskyjs noch vorhandene hohe Beliebtheitswerte mittelfristig in ähnliche Untiefen wie die all seiner Vorgänger zu stürzen. Die Lokalwahlen im Herbst 2020 führten daher zu einem ernsten Denkzettel: Der Siegeszug der»Diener des Volkes« wurde gestoppt, kein einziger Bürgermeisterposten einer größeren Stadt erobert, oftmals wurde die Partei nur drittoder vierstärkste Kraft in den lokalen Räten. Dadurch und vor dem Hintergrund der Dezentralisierung der letzten Jahre haben sich die Regionen zu einem wichtigen Gegenpol zur Kiewer Zentralmacht aufgeschwungen, in denen sowohl unabhängige Bürgermeister als auch die zentralen parlamentarischen Widersacher Selenskyjs, Ex-Präsident Petro Poroschenko und das von ihm konsolidierte nationalpatriotische, konservative Lager sowie das europaskeptische,»pro-russische« Lager rund um Wiktor Medwetschuk ihre Hochburgen sicherten. Seitdem tun sich auch immer mehr sichtbare Risse in der Mono-Mehrheit von Selenskyjs Parlamentsfraktion auf, die sich letztlich aus mehreren Einflussgruppen wichtiger Lobbygruppen zusammensetzt. Besonders kritische Reformprojekte sind daher immer öfter auf Unterstützung anderer Parlamentsfraktionen angewiesen, was zu wechselnden situativen Koalitionen in der Rada führt. Ein Zerfall der Fraktion und damit verbunden vorgezogene Neuwahlen des Parlaments sind inzwischen nicht mehr auszuschließen. Die ukrainische Politik bleibt daher höchst volatil. Zwar hat sich die Demokratie seit der»Revolution der Würde« weiter gefestigt, von einer De-Oligarchisierung kann jedoch ebenso wenig gesprochen werden wie von einem bahnbrechenden Kampf gegen die Korruption, trotz sichtbarer Teilerfolge wie der Schaffung eines unabhängigen Antikorruptionsgerichts. Der Bereich der Rechtstaatlichkeit erweist sich als bislang kaum reformierbar. Korruptionsvorwürfe ziehen sich über die normale Gerichtsbarkeit über die Generalstaatsanwaltschaft bis zum Obersten Gericht, welches zuletzt durch spektakuläre Urteile zentrale Anti-Korruptionsmaßnahmen der letzten Jahre kippte. Die ohne Zweifel größte politische Herausforderung bleibt natürlich im Donbass. Die Beendigung des Krieges war das Hauptthema von Selenskyjs Wahlkampf. Und tatsächlich hat sein Amtsantritt viel Bewegung in den festgefahrenen Prozess gebracht. Das Normandie-Format ist seitdem nach langer Pause wieder Ende 2019 in Paris zusammengekommen und wird seitdem auf Ebene der Berater fortgesetzt. Die Minsker Kontaktgruppe wurde durch zivilgesellschaft-iche Repräsentant_innen ergänzt, was für mehr Akzeptanz auf der ukrainischen Seite sorgte. Besonderes Aufsehen erregten Gefangenenaustausche und die Rückgabe der von Russland Ende 2018 beschlagnahmten Marineschiffe. Ebenso stellt die Entflechtung der militärischen Kräfte entlang bestimmter neuralgischer Punkte der Kontaktlinie einen wichtigen Schritt zur Beilegung der trotz Waffenstillstandes immer wieder aufflammenden Gefechte dar. Jedoch ist diese an noch nicht allen dafür vorgesehenen Punkten umgesetzt worden. Der Wiederaufbau einer Brücke am Übergangspunkt Stanizja Luhanska bedeutet eine sicht-bare Verbesse1
Jahrgang
2021
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