FES BRIEFING UNGARN Gewerkschaftsmonitor Februar 2020 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN Die im April 2018 aus den ungarischen Parlamentswahlen mit einer erneuten Zweidrittelmehrheit hervorgegangene national-konservative Regierungspartei um Viktor Orbán peitschte zum Jahreswechsel 2018/19 ein neues Überstundengesetz durch das Parlament. Zur Überraschung wohl aller politischen Akteure löste unter anderem dieses, schon bald als»Sklavengesetz« bezeichnete Vorhaben wochenlang andauernde öffentliche Proteste, eine unerwartete Einheit der ungarischen Gewerkschaftsbünde und neue politische Allianzen aus. Nach dem Winter sind die öffentlichen Protestkundgebungen wieder abgeflaut. Dafür aber hat eine neue, in Ungarn lange nicht mehr zu verzeichnende Dynamik der Tarifauseinandersetzungen begonnen, in deren Verlauf zum Teil zweistellige Real-Lohnsteigerungen, erfolgreiche Streiks, zahlreiche Androhungen von Warnstreiks und sogar Mitgliederzuwächse einzelner Gewerkschaften zu verzeichnen sind. Das in der Öffentlichkeit umstrittene und als Sklavengesetz bekannt gewordene Gesetzespaket hebt unter anderem die jährliche Obergrenze erlaubter Überstunden von 250 auf 400 an. Darüber hinaus wird Unternehmen gestattet, diese Leistungen erst bis zu drei Jahre später zu entlohnen, wohingegen dies bislang innerhalb eines Jahres geschehen musste. Während die Regierung behauptet diese erhebliche Flexibilisierung des Arbeitsrechtes im Interesse derjenigen Arbeitnehmer_innen, die mehr arbeiten wollen, vorgenommen zu haben, sehen die Arbeitnehmervertreter_innen vor allem die Interessen der Unternehmen bedient. Auch wenn kein_e Arbeitnehmer_in von seinem Unternehmen dazu gezwungen werden kann, diese Regelungen in seinem Arbeitsvertrag aufzunehmen, regt sich massiver Widerstand in den Gewerkschaften und auf den Straßen Ungarns gegen diesen gravierenden Einschnitt. Zu groß ist die Befürchtung, dass Unternehmen durch das Gesetzespaket in Zukunft auch ohne rechtlichen Zwang die Arbeitnehmer_innen in den Verhandlungen unter Druck setzen könnten. Auf der einen Seite betont die Regierung, dass sie lediglich in Zeiten der Vollbeschäftigung die Möglichkeiten der Angestellten erweitern wolle, wohingegen auf der anderen Seite die eigentliche Absicht in der Entlastung der Unternehmen liegen dürfte, welche mehr und mehr vom Fachkräftemangel eingeholt werden. Außenminister Szijjártó hat diesen Vorstoß immerhin bei einem Besuch in NRW offensiv mit Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit begründet, welcher auch und gerade im Interesse deutscher Investoren sei und somit die wirtschaftspolitischen Ziele der Regierung offengelegt. Die als»Skalvengesetz« bekannt gewordene Regierungsinitiative war jedoch nicht alleiniger Auslöser der Proteste. Im selben Jahr gingen dieser schließlich zwei weitere einschneidende Entwicklungen voraus, welche für die bereits angesprochenen Großdemonstrationen im Winter 2018/2019 wichtige Grundlagen schufen. Seitens der Gewerkschaften lag die Aufmerksamkeit zunächst auf der starken Einschränkung des sogenannten Cafeteria-Systems, welches bis dahin steuerbegünstigte Lohnzusatzleistungen an die Arbeitnehmer_innen ermöglichte. Die Regierung setzt darauf, dass die Unternehmen – im Ausgleich für ihre Entlastung bei den Sozialabgaben – die wegfallenden Cafeteria-Leistungen durch Lohnerhöhungen kompensieren werden. Dass die Unternehmen einen solchen Ausgleich über die zu versteuernden Löhne zu zahlen bereit sind, wird jedoch seitens der Arbeitnehmervertreter_innen bezweifelt. Nahezu parallel dazu verlief eine Bildungsreform, welche die von dem aus Ungarn stammenden Philanthropen George Soros gegründete Privatuniversität, Central European University, zum Teilumzug nach Wien zwingt. 1 Dabei solidarisierten sich die Gewerkschaften zunächst nur zögerlich mit den Studierenden. Erst bei den anschließenden Demonstrationen rund um die Arbeitsrechtreform zeigten sich darauf aufbauend zum ersten Mal sämtliche Oppositionsparteien gemeinsam mit den Studierenden und den Gewerkschaften auf öffentlicher Bühne. Hintergrund der(tarif-)politischen Dynamiken sind das nie höher gewesene Wirtschaftswachstum von 5,0 % im Wahl1 Bereits zuvor hatte die ebenfalls von Georg Soros gegründete Open Society Foundation angekündigt, nach Berlin zu ziehen. 1
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2020
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