FES BRIEFING UNGARN Gewerkschaftsmonitor Juni 2022 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Seit den Parlamentswahlen von 2010 regiert Viktor Orbán nahezu ununterbrochen mit der Zweidrittelmehrheit seiner Fidesz-Partei. Keine Gefahr stellten die oppositionellen Parteien für Fidesz dar, solange sie untereinander zerstritten waren. Erst seit den Kommunalwahlen von 2019 treten diese in einem gemeinsamen Bündnis auf. Gegen den Trend der Meinungsumfragen setzte sich bei der Parlamentswahl am 3. April 2022 die von Viktor Orbán geführte rechtsnationale Fidesz-KDNP-Koalition erneut und nun schon zum vierten Male in Folge mit einer Zweidrittelmehrheit(135 von 199 Sitzen) klar gegen das Wahlbündnis»Vereint für Ungarn« der sechs Oppositionsparteien durch, das sich mit enttäuschenden 56 Mandaten begnügen musste. Neu ins Parlament zog die rechtsextreme Partei»Unsere Heimat« ein, die sieben Sitze gewinnen konnte. Den ungarischen Gewerkschaften stehen vier weitere, voraussichtlich noch schwierigere Jahre in dem übermächtigen System Orbán bevor. Viktor Orbán führte seine Partei Fidesz im Jahr 2000 aus der Liberalen Internationale in die konservative Europäische Volkspartei hinein – und inzwischen auch aus dieser wieder hinaus. Auf diesem Weg ist er wohl zu einem der umstrittensten Politiker Europas geworden. »Die Revolution an den Wahlurnen« von 2010, mit der Verfassungsmehrheit im Parlament für Fidesz bei gleichzeitiger Dezimierung der Opposition, deutete Orbán in eine unbegrenzte Vollmacht für sich um, die jede politische Maßnahme seiner Regierung rechtfertige. Tatsächlich begann er gleich nach der Machtübernahme das Land und seine politische Ordnung im Sinne seiner politischen Vorstellungen zu dem System umzubauen, das er einige Jahre später modellhaft als»illiberalen Staat oder illiberale Demokratie« dem westlichen Entwurf der»liberalen Demokratie« provozierend gegenüberstellte. Die nach dem Systemwechsel modifizierte Verfassung wurde ohne breiten gesellschaftlichen Dialog durch ein historisch und demokratiepolitisch rückwärtsgewandtes Grundgesetz ersetzt, Medien und kulturelle Institutionen gerieten ins Visier der Partei, Streikrecht und Arbeitsgesetzbuch wurden zum Nachteil von Arbeitnehmer_innen und Gewerkschaften verändert, die Unabhängigkeit der Justiz und die Autonomie der Universitäten massiv infrage gestellt, alle wichtigen öffentlichen Posten ausschließlich mit Gefolgsleuten der Partei besetzt, um nur einige Beispiele solcher systemverändernden Maßnahmen der Fidesz-Regierung anzuführen. Das von Orbán unmittelbar nach dem Wahlsieg von 2010 mit großem Pomp proklamierte politische»System der Nationalen Zusammenarbeit«(ungarische Abkürzung: NER) stellte sich rasch als euphemistische Umschreibung seiner autokratischen Bestrebungen heraus. Die Oppositionsparteien haben sich bei den ungarischen Kommunalwahlen im Jahr 2019 erstmals zu einem – besonders in den größeren Städten – erfolgreichen Bündnis zusammengeschlossen. Wichtigster Beweis für den Erfolg dieser Bündnispolitik ist der oppositionelle Oberbürgermeister von Budapest, Gergely Karácsony. Die am oppositionellen Bündnis beteiligten Parteien der unterschiedlichsten politischen Richtungen von sozialdemokratischer, links-grüner, liberaler bis rechtskonservativer Provenienz haben in Vorwahlen im Oktober 2021 einen gemeinsamen Ministerpräsidentenkandidaten und jeweils eine/n gemeinsamen Kandidaten/in für jeden der 106 Wahlkreise nominiert. Der gemeinsame MP-Kandidat der vereinten Opposition, Péter Márki-Zay, sagt der Korruption den Kampf an und steht für gesellschaftliche Gleichberechtigung, offene Gesellschaft, liberale Demokratie und Medienfreiheit, aber auch für eine harte Politik gegen illegale Migration ein. Die Lage der unabhängigen Presse verschlechterte sich im letzten Jahrzehnt zunehmend. Fidesz brachte die Medien in dieser Zeit immer mehr unter seine Kontrolle. Die öffentlich-rechtlichen Sender wurden verstaatlicht. Fidesz kontrolliert die meisten Nachrichtenmedien, aber auch die regionale Presse. Zu Anfang des Jahres 2021 haben gerade 1
Jahrgang
2022
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten