FES BRIEFING USA Gewerkschaftsmonitor April 2020 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG denten kündigte an, dass das Weiße Haus jedwede Kooperation mit dem Kongress verweigern würde. Damit wurde das System der» checks and balances« praktisch außer Kraft gesetzt. Zwei Themen bestimmten weitgehend die politische Agenda der USA 2019: Das Amtsenthebungsverfahren des Präsidenten und der anlaufende Vorwahlkampf der Demokraten. Der mit Spannung erwartete Bericht von Sonderermittler Mueller zur Russlandaffäre wurde im April 2019 veröffentlicht. In diesem wies Mueller nach, dass sich Russland in die Wahlen 2016 einmischte, um Hillary Clinton zu schaden, Trump zur Wahl zu verhelfen und das Vertrauen in die US-Demokratie zu untergraben. Trump habe die Hilfe willkommen geheißen, aber es gäbe nicht genügend belastbare Beweise, dass sich sein Wahlkampfteam illegal mit der russischen Regierung abgesprochen habe. Allerdings gäbe es zahlreiche Hinweise einer möglichen Justizbehinderung durch Trump. Der Präsident wurde nicht angeklagt, aber vom Vorwurf auch nicht freigesprochen. Nach gängigem Verständnis des Justizministeriums kann ein Präsident, solange er im Amt ist, nicht für ein Vergehen nach Bundesrecht angeklagt werden. Deshalb hatte Mueller alles Weitere dem politischen Prozess im Kongress anvertraut, d. h. einem möglichen Amtsenthebungsverfahren. Genau das wurde nicht durch Muellers Bericht, aber durch einen Anruf von Präsident Trump beim Ukrainischen Präsidenten Zelensky im Juli 2019 ausgelöst. Nach der Veröffentlichung von Gesprächsinhalten durch einen anonymen Whistleblower im August sah sich Präsident Trump dem Vorwurf ausgesetzt, sein Amt missbraucht zu haben, um die Ukraine dazu zu drängen, Nachforschungen bei seinem schärfsten politischen Rivalen – dem Demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden – wegen möglicher Korruption seines Sohnes anzustellen. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, startete daraufhin die Untersuchungen zur Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens. Trump sah im Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten kein Fehlverhalten und der Rechtsberater des PräsiAm 18. Dezember stimmte die Demokratische Mehrheit des Repräsentantenhauses zwei Artikeln zur Amtsenthebung des Präsidenten zu: Amtsmissbrauch und Behinderung der Arbeit des Kongresses. Im Senat, also der Kammer, die mit einer Zweidrittel-Mehrheit einem der beiden Artikel zustimmen musste, um Trump aus dem Amt zu entfernen, votierte die Republikanische Mehrheit, ohne einen einzigen Demokraten, gegen die Amtsenthebung. Nur der Republikanische Senator Mitt Romney befand Trump für schuldig, sein Amt missbraucht zu haben. Trump war erst der dritte US-Präsident, der sich einem solchen Verfahren stellen musste. Doch weder diese Tatsache, noch die öffentliche Meinung, die Trump mehrheitlich für schuldig hielt, schreckte den US-Präsidenten davon ab, einen vollständigen Freispruch zu postulieren und sich mittels Entlassungen an einigen derjenigen zu rächen, die im Verfahren gegen ihn ausgesagt hatten. Trump verfolgte im gesamten Verfahren eine Politik der institutionell verbrannten Erde und der langfristige Schaden an der US-Demokratie ist in seinem vollen Umfang noch nicht absehbar. Der beginnende Vorwahlkampf der Demokraten nahm erst 2020 volle Fahrt auf. Nachdem die Partei mit dem größten und diversesten Feld an Bewerber_innen angetreten war – ursprünglich sechs Kandidatinnen und 22 Kandidaten hatten z. T. lange vor dem Wahltermin im November 2020 ihre Kandidatur erklärt – lichtete sich das Feld nach dem»Super Tuesday« Anfang März doch überraschend schnell. Das wichtigste Kriterium für die Wahlentscheidung der meisten demokratischen Vorwähler_innen war die Wählbarkeit. Sie wollen einen Kandidaten, dem sie zutrauen, Donald Trump im Herbst zu schlagen. Das ist für sie mehrheitlich Joe Biden. Es ist also gut möglich, dass sich der ehemalige Vizepräsident von Barack Obama mit seinen 77 Jahren nicht nur anschickt, die Nominierung der Demokraten zu gewinnen, sondern auch die Präsidentschaftswahl selbst. 1
Jahrgang
2020
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten