FES BRIEFING USA Gewerkschaftsmonitor August 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die ersten Jahre der Biden-Administration verliefen politisch außerordentlich erfolgreich für den US-Präsidenten und mehrheitlich auch für die Demokraten im Kongress. Trotzdem fühlen sich die USA politisch und gesellschaftlich nicht nach Aufbruch an. Und das liegt wesentlich an Bidens Vorgänger, Donald Trump. Seit seiner Präsidentschaft durchlaufen die US-Demokratie und ihre Institutionen einen außerordentlichen Stresstest. Und der ist mit Blick auf 2024 auch vorerst noch nicht vorbei. Doch zunächst zu den politischen Lichtblicken: Biden und der demokratischen Mehrheit im Kongress gelang es in den ersten beiden Jahren(2021–2022), eine beachtliche Zahl von Gesetzesinitiativen erfolgreich umzusetzen. Angefangen bei einem massiven Covid-Rettungspaket über Investitionen in Infrastruktur und Halbleiter sowie in Klima-, Industrie-, Steuer- und Gesundheitspolitik bis hin zur Reform der Waffengesetzgebung haben die Demokraten viele der Prioritäten Bidens bereits verwirklichen können. In Bereichen, in denen sich bisher keine Kongressmehrheiten organisieren ließen, hat der Präsident Exekutivanordnungen auf den Weg gebracht(117 mit Stand Juli 2023), die zwar keinen Gesetzesstatus, aber Weisungscharakter für die Arbeit der Bundesregierung und Behörden haben. Bidens Anordnungen reichen von der Förderung einer verantwortungsvollen Polizeiarbeit und Strafjustiz über die Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitsversorgung und Geburtenkontrolle bis hin zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und wirtschaftlichen Chancen für schwarze Amerikaner, den Schutz der Umwelt sowie eine Erhöhung des Mindestlohns für Arbeitnehmer*innen auf 15 US-Dollar, wenn diese von Arbeitgebern im Auftrag der Bundesregierung beschäftigt werden. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gelang es dem Präsidenten zudem, eine internationale Verteidigungskoalition zusammenzuhalten, die NATO zu stärken sowie der Ukraine finanzielle und militärische Unterstützung im Wert von bisher 113 Mrd. US-Dollar(Stand Juli 2023) bereitzustellen. Auch die sogenannten Zwischenwahlen für den Kongress sowie Wahlen von Gouverneursposten und Landesparlamenten waren für Biden und die Demokraten 2022 überwiegend ein Erfolg. Zwar verloren sie erwartungsgemäß die Mehrheit im Repräsentantenhaus – gegenwärtig haben die Republikaner 222, die Demokraten 212 Sitze(ein Sitz ist unbesetzt) – aber es gelang ihnen gegen den historischen Trend, die Verluste klein zu halten sowie ihre Mehrheit im Senat knapp auszubauen: 51 Demokraten bzw. mehrheitlich mit ihnen stimmende Unabhängige stehen 49 Republikanern gegenüber. Zur Mehrheit gehört auch Senatorin Kyrsten Sinema aus Arizona, die sich seit Dezember 2022 politisch nicht mehr als Demokratin, sondern als Unabhängige verortet. In politisch wichtigen Bundesstaaten wie Michigan, Pennsylvania und Arizona konnten die Demokraten Gouverneurswahlen für sich entscheiden. Sie gewannen auch die Kontrolle über vier Kammern: das Repräsentantenhaus und den Senat von Michigan, den Senat von Minnesota und das Repräsentantenhaus von Pennsylvania. Durch die Siege in Minnesota und Michigan entstand in diesen Bundesstaaten ein neues Demokratisches»Trifecta«, d. h. die Partei hat das Gouverneursamt und die Mehrheiten in beiden Kammern des staatlichen Parlaments inne. Im Jahr 2023 kam ein weiterer Sieg über einen Sitz am Obersten Gerichtshof des Staates Wisconsin hinzu, mit dem die Demokraten nun eine knappe Mehrheit von Richter*innen stellen. Warum dieser Sieg wichtig war, zeigt ein Blick in die jüngste Vergangenheit, als radikale Republikaner versuchten, den Sieg Joe Bidens 2020 in Wisconsin mittels einer Gerichtsentscheidung für ungültig zu erklären. Der Gerichtshof hat aber noch weitere Befugnisse, wenn es um Fragen wie Zugang zu Abtreibung, Gewerkschaftsrechte oder den Zuschnitt von Wahlkreisen in dem Bundesstaat geht. Die Gründe für das relativ gute Abschneiden der Demokraten 2022 sind vielfältig. Ihnen kam vor allem zugute, dass die Zwischenwahlen kein Referendum über Joe Biden waren. Angesichts seiner relativen Unpopularität, hoher Inflationsraten und historischer Trends hätten die Republikaner sehr viel erfolgreicher abschneiden müssen: Bis auf 1998 und 2022 hat die Partei des Präsidenten bei jeder Zwischenwahl seit dem 1
Jahrgang
2023
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten