FES BRIEFING ZYPERN Gewerkschaftsmonitor November 2019 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN chen Lage hin. Gleichzeitig warnten sie, dass man diese Prozesse keinen Risiken aussetzen dürfe. POLITISCHE ENTWICKLUNG Das Jahr 2018 war von einem Stillstand in der Zypernfrage geprägt. Die Verhandlungen mit der Zielsetzung, die Teilung der Insel im Rahmen einer internationalen Konferenz in Crans Montana in der Schweiz zu überwinden, scheiterten im Juli 2017 auf der Zielgeraden. Seitdem gelangten die Bemühungen zur Lösung der Zypernfrage, über Vorbesprechungen bezüglich der Aufnahme neuer Verhandlungen, nicht hinaus. Gegen Ende des Jahres sprach sich der Führer der griechisch-zypriotischen Volksgruppe und Präsident der Republik Zypern Nikos Anastasiades, gegen die politische Gleichberechtigung der türkischen Zyprioten aus, die seit 1974 die Grundlage für alle Schlichtungsansätze gebildet hatte. Darüber hinaus befürwortete er anstelle des bisherigen Lösungsmodells, d. h. der bizonalen Föderation mit zwei Volksgruppen, eine lockere Föderation mit relativ schwacher Zentralregierung. Daher standen die Anzeichen für eine Wiedervereinigung der Insel zum Jahresende alles andere als gut. Was die Innenpolitik betrifft, war das wichtigste Ereignis des Jahres 2018 die Wiederwahl von Nikos Anastasiades(DISY) zum Präsidenten der Republik Zypern. Erwartungsgemäß gewann er am 4. Februar im zweiten Wahlgang gegen Stavros Malas, den profillosen Kandidaten der kommunistischen AKEL Partei. 2018 gab es in der vorwiegend griechisch-zypriotischen Republik Zypern keine tiefgreifenden Reformen im Bereich des individuellen bzw. kollektiven Arbeitsrechts oder der Sozialund Beschäftigungspolitik. Die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände bekundeten weiterhin ihre unterschiedlichen Ansichten in Bezug auf verschiedene Fragen, wobei ihr Verständnis der aktuellen Lage des Arbeitsmarktes im Vordergrund stand. Während sich die Gewerkschaften in diesem Zusammenhang erneut dafür aussprachen, dass zusätzliche Rechtsvorschriften erforderlich seien, um Mindeststandards für die schutzbedürftigsten Arbeitnehmer_innen zu gewährleisten, wiesen die Arbeitgeberverbände auf den Rückgang der Arbeitslosigkeit und die Stabilisierung der wirtschaftliAnfang 2018 wurden in der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) 1 vorgezogene Parlamentswahlen abgehalten, die zu der vierten Regierungsbildung innerhalb von vier Jahren führten. Die Mitte-Rechts-Parteien UBP und DP gaben dem zunehmenden innenpolitischen Druck nach und stimmten vorgezogenen Neuwahlen im Januar 2018 zu. Die Partei der Nationalen Einheit(National Unity Party – UBP) ging mit 35,37 % der Wählerstimmen bzw. 21 Parlamentssitzen als Sieger aus den Wahlen hervor, die Stimmen reichten jedoch nicht um eine Ein-Parteien-Regierung zu bilden. Die Republikanische Türkische Partei(Republican Turkish Party – CTP) belegte mit 20,97 % der Wählerstimmen(bzw. 12 Sitzen) den zweiten Platz, gefolgt von der Volkspartei(People‘s Party – HP) mit 17,1 % der Wählerstimmen(9 Sitzen), der Sozialdemokratischen Partei(Social Democratic Party – TDP) mit 8,61 % der Stimmen(3 Sitzen), der Demokratischen Partei(Democratic Party – DP) mit 7,83 % der Stimmen(3 Sitzen) und der Partei der Wiedergeburt(Rebirth Party – YDP) mit 6,96 % der Stimmen(2 Sitzen). Damit haben es zum ersten Mal sechs Parteien geschafft, die 5 %-Hürde, die für den Einzug in die türkisch-zypriotische Legislativversammlung mit ihren 50 Sitzen vorgesehen ist, zu überwinden. Obwohl ursprünglich der Fortbestand einer von der UBP geführten Koalitionsregierung als selbstverständlich vorausgesetzt worden war, änderte sich die Stimmung, als sich die CTP, HP und TDP alle strikt gegen die Bildung einer Koalition mit der UBP aussprachen(unter Bezugnahme auf Korruptionsvorwürfe gegen mehrere Abgeordne1 Die Türkische Republik Nordzypern(TRNZ) wird nur von der Republik Türkei anerkannt. Während Mustafa Akinci für die Türkei und die türkischen Zyprioten das Amt des Präsidenten der TRNZ bekleidet, gilt er für die internationale Gemeinschaft als kommunales Oberhaupt der türkisch-zypriotischen Gemeinschaft. Nachdem die Regierung der Republik Zypern weiterhin auf internationaler Ebene als Regierung der gesamten Insel anerkannt wird, wird erachtet, dass die ganze Insel Zypern Mitglied der Europäischen Union ist. Dabei ist allerdings der acquis communautaire im Nordteil Zyperns bis zur politischen Regelung der Zypernfrage ausgesetzt(siehe dazu Protokoll Nr. 10 des Beitrittsvertrags). 1
Jahrgang
2019
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