FES BRIEFING ZYPERN Gewerkschaftsmonitor Juli 2021 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN rung praktisch handlungsunfähig, bis im Dezember schließlich eine Minderheitsregierung zustande kam. POLITISCHE ENTWICKLUNG Seit dem griechischen Putsch und der darauf folgenden türkischen Besetzung im Jahr 1974 ist die Insel Zypern geteilt. Die griechisch-zypriotische Volksgruppe lebt südlich der Trennungslinie in der international anerkannten Republik Zypern. Die türkischen Zypriot_innen leben im Nordteil der Insel, der Türkischen Republik Nordzypern(TRNZ), die jedoch international nicht anerkannt ist. 1 Neue Entwicklungen im Friedensprozess Zyperns hat es im Jahr 2020 nicht gegeben. Dennoch war das Jahr von einer dramatischen Eskalation der Spannungen zwischen griechischen Zypriot_innen auf der einen und der Türkei und den türkischen Zypriot_innen auf der anderen Seite gekennzeichnet. Gegenstand des Konflikts, in dem auch Griechenland verwickelt wurde, waren die Öl- und Gasvorkommen vor der Küste Zyperns. Der Nordteil Zyperns litt in diesem turbulenten Jahr weiterhin unter chronischer politischer und wirtschaftlicher Instabilität. Denn das Jahr war nicht nur von der Corona-Pandemie überschattet, sondern stand auch im Zeichen einer der umstrittensten Präsidentschaftswahlen seit Jahrzehnten. Der Wahlprozess zog sich wegen der Pandemie von Februar bis Oktober hin und führte kurz vor der ersten Wahlrunde im Oktober zum Zerfall der regierenden Koalition aus UBP(Nationale Einheitspartei) und HP(Volkspartei). Dadurch wurde die RegieAufgrund von Covid-19 hatte das Parlament der TRNZ eine Verschiebung der Präsidentschaftswahl vom 26. April auf den 11. Oktober beschlossen. Der Amtsinhaber, Mustafa Akinci, blieb daher bis zum neuen Wahltermin im Amt. Der Premierminister, Ersin Tatar(UBP), setzte sich in einer Stichwahl am 18. Oktober mit 51,7 Prozent der Stimmen gegen Akinci durch. Akinci protestierte öffentlich gegen die massive Einflussnahme Ankaras zugunsten von Tatar. Er ging jedoch nicht so weit, das Wahlergebnis anzufechten. Auch andere Präsidentschaftskandidaten brachten ihre Unzufriedenheit mit Ankaras Einflussnahme mehr oder weniger stark zum Ausdruck. Zu diesen gehörten unter anderem Tufan Erhürman, Parteiführer der größten Oppositionspartei – der Republikanisch-Türkischen Partei(CTP) – sowie der unabhängige Kandidat, Serdar Denktas, und der stellvertretende Premierminister und Präsidentschaftskandidat, Kudret Özersay(HP). Vor allem die überraschende Entscheidung, die als militärisches Sperrgebiet unzugängliche Vorstadt Varosha teilweise wieder zu öffnen, die Ersin Tatar auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am 6. Oktober bekannt gab, wurde als klares Zeichen der Unterstützung Tatars durch Ankara gedeutet. Omer Celik, Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP(Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung), machte nach Tatars Wahlsieg keinen Hehl daraus, wie sehr seine Partei den Abgang von Akinci als Präsident begrüßt, und erklärte, mit der Wahl vonTatar sei eine neue Ära positiver Beziehungen zu Ankara angebrochen. 1 Die Türkische Republik Nordzypern(TRNZ) wird nur von der Republik Türkei als Staat anerkannt. Für die Türkei und die türkischen Zypriot_innen ist Ersin Tatar rechtmäßiger Präsident der TRNZ. Die internationale Staatengemeinschaft betrachtet ihn dagegen als Vertreter der türkisch-zypriotischen Volksgruppe. Da die Regierung der Republik Zypern auf internationaler Ebene als Regierung der gesamten Insel angesehen wird, ist die gesamte Insel Teil der Europäischen Union. Der Acquis Communautaire der EU ist im Norden jedoch bis zur Lösung der Zypernfrage ausgesetzt(siehe Protokoll Nr. 10 des Beitrittsvertrages). Die überraschende»Öffnung von Varosha« führte auch zum Ende der Koalition von UBP und HP. Kudret Özersay(HP), stellvertretender Premierminister und Außenminister, erklärte, er sei nicht über diesen Schritt informiert worden, und entzog der Regierung die Unterstützung seiner Partei als Koalitionspartner. Dabei beschuldigte er Tatar, die»staatlichen Organe nicht anzuerkennen« und»seiner Verantwortung gegenüber seinem Koalitionspartner nicht gerecht zu werden«. Zu einer Kabinettsumbildung kam es jedoch erst nach der 1
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2021
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