FES BRIEFING URUGUAY Gewerkschaftsmonitor Januar 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG In Lateinamerika gilt Uruguay als Vorzeige- und Ausnahmeland – das Land im Süden zeichnet sich durch die regional höchsten Zustimmungsraten zur Demokratie und die geringste soziale Ungleichheit aus. Die Einhaltung demokratischer Spielregeln und die Unabhängigkeit der Rechtsprechung sind gewährleistet. Von 2005 bis 2020 regierte ein Bündnis aus 30 Parteien und Bewegungen des Mitte-links-Spektrums, das seit 1971 besteht, 15 Jahre in Folge. 2019 verlor die Frente Amplio (FA) die Wahlen knapp, sodass unter der Führung von Luis Lacalle Pou der konservativen Partido Nacional(PN) eine Koalition aus fünf Parteien rechts der Mitte die Macht übernahm. Seither herrscht ein klar neoliberaler, unternehmerfreundlicher Kurs, der auch in der Corona-Pandemie auf individuelle Verantwortlichkeit statt staatliche Regulierung setzte. Da es kaum Einschränkungen gab, konnten»Kollateralschäden« individualisiert werden. Die Zahl der Todesfälle blieb dennoch vergleichsweise gering, da die Vorgängerregierungen in das öffentliche Gesundheitssystem investiert hatten und die überschaubare Bevölkerung rasch mit chinesischem Impfstoff versorgt wurde. Der neoliberale Kurs zwischen Austerität, Deregulierung und Privatisierung wurde strikt eingehalten. Flaggschiff der neuen Regierungskoalition war ein 501 Artikel umfassendes Paket von Notstandsgesetzen, das von der Einschränkung des Streikrechts und der Versammlungsfreiheit bis hin zur Privatisierung und Einschränkung der Mitbestimmung im Bildungssektor reicht. Auch außenpolitisch wurden neue Töne angeschlagen. Am deutlichsten wurde dies durch die Initiative, den Integrationsraum MERCOSUR(Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und seit Dezember 2023 Bolivien) zu»flexibilisieren«, sowie durch die Ankündigung eines bilateralen Freihandelsabkommens mit China. Entgegen einer Tradition der multilateralen Diplomatie suchte Lacalle Pou die Nähe des rechtsextremen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und den Konflikt mit dem argentinischen Nachbarn. Aktuell summieren sich die Skandale und Krisen im Regierungslager: Seit mit dem Ende der Pandemie das Begründungsnarrativ für die wachsende soziale Misere und schwache Wirtschaftsentwicklung entfiel, fallen die Umfragewerte der Regierung deutlich. Maßgeblich hat dazu ein Korruptionsskandal um den Chef der Personenschützer des Präsidenten beigetragen, der uruguayische Pässe an russische Staatsbürger_innen und Personen aus der organisierten Drogenkriminalität vergeben sowie die illegale Abhörung von Senator_ innen der FA, die sich gegen Reformvorhaben der Regierung aussprachen, veranlasst hat. Während Innen- und Außenminister in dem Untersuchungsprozess zurücktreten mussten, blieb der Präsident unbeschädigt. Das Vertrauen in die demokratischen Institutionen ist jedoch schwer beschädigt. Zudem wachsen Spannungen innerhalb der Koalition: Juniorpartner»Cabildo Abierto«, eine militaristisch-rechtspopulistische Bewegung unter Führung eines Ex-Generals, die mit einem autoritären Kurs über Recht und Ordnung Protestwähler_innen mobilisiert, musste die Wohnungsbauministerin und Ehefrau des Parteivorsitzenden wegen eines Korruptionsskandals abberufen. Zudem kürzte die Regierung wichtige Budgetposten im Bereich der Sozialtransfers, der Menschenrechte sowie des öffentlichen Universitätswesens und beschleunigte zentrale Reformvorhaben, die nicht über Notstandsgesetze eingebracht werden konnten. Dazu zählt eine Rentenreform, mit der das Renteneintrittsalter von 60 auf 65 Jahre angehoben und die Einzahlung in privatwirtschaftliche Rentenfonds verpflichtend gemacht wurde. Die FA hat sich hingegen in ihrer Oppositionsrolle eingefunden, verstärkt den Dialog mit der Basis und die Bündniseinheit im öffentlichen Auftreten – bestehende Konflikte werden intern ausgetragen. Auch programmatisch versteht sie es, sich als Alternative zu positionieren. Da Präsident_innen in Uruguay nicht unmittelbar wiedergewählt werden können und es an konservativen Lichtfiguren mangelt, stehen die Chancen der FA für die Wahlen Ende 2024 aktuell nicht schlecht. 1
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2024
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