FES BRIEFING GEORGIEN Gewerkschaftsmonitor Mai 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN de herrschen zum Teil auch weiterhin Zentralismus, Paternalismus und Klientelismus. POLITISCHE ENTWICKLUNG Georgien hat in den vergangenen Jahren einiges vom Nimbus des demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformvorreiters auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion eingebüßt. Allerdings liegt dies weniger an real zu verzeichnenden autoritären Regressionen, sondern zunächst an einer einseitigen Überzeichnung der Reformerfolge unter der Präsidentschaft Micheil Saakaschwilis in der Zeit von 2003 bis 2012. Hinter einer glitzernden, prowestlichen Fassade verbarg sich der Versuch einer autoritären Modernisierung, die in einigen Politikfeldern(z. B. Polizei, Bekämpfung von Kleinkorruption, Verwaltungsmodernisierung) Erfolge verzeichnen konnte, sich aber in anderen Bereichen als Hypothek für spätere Reformbemühungen erweisen sollte. Insbesondere das neoliberale bis ultralibertäre ideelle Erbe, das Mantra vom»kleinen Staat« und die damit einhergehenden fiskalischen Restriktionen behindern eine aktive Modernisierungspolitik und haben auch dafür gesorgt, dass die gesellschaftliche Transformation weitgehend ausgeblieben ist. Hinzu kommt die bis heute hohe Informalität von Politik, die gekennzeichnet ist durch den nach wie vor großen Einfluss des reichsten Mannes Georgiens, Bidsina Iwanischwili, auf die Regierungspartei»Georgischer Traum«(GT), die seit 2012 an der Macht ist. Die georgische Gesellschaft bleibt damit weiterhin durch eine relativ kleine Elite, eine dünne Mittelschicht und eine große, mit dem alltäglichen Existenzkampf beschäftigte Mehrheit charakterisiert. Letztere ist vielfach auf Rücküberweisungen von Arbeitsmigrant_innen aus dem Ausland und auf Subsistenzwirtschaft angewiesen. Der in der zuletzt 2017 umfassend reformierten Verfassung normierten parlamentarischen Demokratie fehlt somit weitgehend die gesellschaftliche Basis. Den Reformversuchen von oben stehen starke Beharrungskräfte von unten gegenüber. Hinter der modernisierten FassaFür die georgische Politik ist der Krisenmodus Normalität: Spätestens seit den umstrittenen Parlamentswahlen 2024 und der darauffolgenden Ankündigung von Premierminister Irakli Kobakhidze, bis 2028 keine weiteren Verhandlungen mit der EU über einen EU-Beitritt zu verfolgen, erscheint das Land durch anhaltende Massenproteste und zunehmende Repressionen gehemmt. Eine an Sachthemen und wirtschaftlichen sowie sozialen Reformen orientierte Tagespolitik findet kaum noch statt. Die massive Polarisierung zwischen Regierung und Opposition, allen voran der»Vereinten Nationalen Bewegung«(VNB) des in Haft befindlichen Ex-Präsidenten Micheil Saakaschwili und deren Abspaltungen sowie liberalen und sozialdemokratischen Parteien, ist im Wesentlichen personalisiert, Policy-Divergenzen spielen kaum eine Rolle. Der GT hatte die Wahl 2012 noch mit dem Versprechen einer moralisch höherwertigen Politik gewonnen und dieses auch lange Zeit eingelöst: Polizei und Justiz agierten weniger repressiv, Geschäftsleute wurden nicht mehr unter Druck gesetzt, auf informellem Wege die Staatskassen zu füllen. Medien- und Demonstrationsfreiheit wurden weitgehend gewahrt. Die Tendenzen der letzten Monate lassen jedoch die Sorge nach einem Rückfall in frühere Muster erwachsen. Ein grundlegender Wechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik stand allerdings nie auf der Agenda. Zwar scheint es der Protestbewegung und Opposition in den vergangenen Monaten gelungen, dem GT den Anspruch auf moralische Überlegenheit als zentrales Differenzkriterium zu nehmen. Eine parlamentarische Auseinandersetzung ist jedoch nicht gegeben, da alle vier Oppositionskoalitionen und-parteien das Parlament blockieren bzw. mit Ausnahme der sozialdemokratischen Partei »Für Georgien« des früheren GT-Premierministers Giorgi Gakharia ihre Mandate dauerhaft abgelegt haben.»Für Georgien« hat somit als einzige oppositionelle Kraft noch die theoretische Option, die Parlamentsarbeit noch während der laufenden Legislaturperiode aufzunehmen. Die Opposition fordert Neuwahlen und ist bislang unentschlossen, ob sie an den Lokalwahlen im Herbst 2025 teilnehmen wird. 1
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2025
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