FES BRIEFING FINNLAND Gewerkschaftsmonitor Juli 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Anfang April 2023 fanden die letzten Parlamentswahlen statt und Sanna Marins sozialdemokratische Regierungskoalition wurde abgewählt. Wie bereits 2019 und von den Wahlumfragen richtig prognostiziert, kam es erneut zu einem nervenaufreibenden Kopf-an-Kopf-Rennen der drei großen Parteien (Sozialdemokraten, Nationale Koalitionspartei, Die Finnen). Letztlich erzielte die Nationale Koalitionspartei mit 20,8 Prozent die meisten Stimmen, dicht gefolgt von den rechtspopulistischen Die Finnen mit 20,1 Prozent. Dann erst folgten die Sozialdemokraten, mit 19,9 Prozent als Drittplatzierte. Obwohl die Regierungskoalition unter sozialdemokratischer Führung abgewählt wurde, verzeichnete die Sozialdemokratie 2,2 Prozentpunkte Stimmenzuwachs. Es gelang der weltweit beliebten Sanna Marin also durchaus, neue Wähler_innen zu mobilisieren; für eine amtierende Ministerpräsidentin in Finnland gilt das als beachtliche Ausnahme. Allerdings polarisierte die linke Sozialdemokratin auch unter den Rechten, Konservativen und Liberalen. Deshalb waren am Ende Die Finnen (+2,6 %) und besonders die Nationale Koalitionspartei(+3,8 %) erfolgreicher. Die Parteivorsitzende der»Finnen« bekam für ihr Mandat mehr direkte Stimmen als Sanna Marin und war der neue Wahlmagnet. Die Wahlsieger gewannen die konservativ-rechte Mehrheit ausgerechnet mit dem Versprechen, inmitten globaler Krisen, zur Austeritätspolitik zurückzukehren. Dabei hatte diese zur Abwahl Juha Sipiläs(Marins liberalem Vorgänger) und der ersten Mitte-rechts-Regierung geführt. Die finnische Staatsverschuldung lag zum Zeitpunkt der Wahl nur knapp über dem europäischen Durchschnittswert. Sie ist allerdings ein Traditionsthema in jedem Wahlkampf. Die konservativen Wahlsieger bekamen den Regierungsauftrag und wählten als Koalitionspartner unter anderem die rechtsradikalen»Finnen«. Nach den schweren Koalitionsverhandlungen hatte die Regierung einen holprigen Start. Die ersten Wochen waren geprägt von einem Misstrauensantrag an den rechtsradikalen Wirtschaftsminister, dessen Rücktritt und einem kontinuierlichen Machtkampf zwischen Konservativen und»Finnen«. Dabei war auffällig, wie selbstbewusst die»Finnen« auftraten. Beachtlich ist auch, dass erst nach der Wahl eine intensive öffentliche Diskussion darüber begonnen hat, wie kontrovers das Personal der Finnen sich z. T. in der Vergangenheit geäußert hat, bzw. wie radikal die Einstellungen und Politikvorschläge der Finnen sein werden. Seit dem Amtsantritt der Regierung 2023 hat sich die politische Landschaft in Finnland dramatisch verändert. Die Koalitionsregierung hat tiefgreifende Reformen des Arbeitsmarktes und des Wohlfahrtssystems eingeleitet, die die Grundstrukturen des finnischen Wohlfahrtsstaates nachhaltig verändern könnten. Es geht um das Streikrecht, die Lohnfindung, das Verhandlungssystem und die Sozialleistungen. Gegen interne und externe Widerstände setzt die Regierung ihr hartes Sparprogramm fort, mit dem die bestehenden Arbeitsmarktstrukturen zerschlagen und der Wohlfahrtsstaat umgebaut werden sollen. Die Regierung steht den Arbeitgebern nahe und hat wiederholt gezeigt, dass sie nicht bereit ist, auf die Gewerkschaftsbewegung zu hören. Diese Entwicklungen stellten die finnischen Gewerkschaften vor große Herausforderungen. In einer beispiellosen Reaktion organisierten sie gemeinsam mit der Zivilgesellschaft massive Proteste gegen die Reformen der Regierung. Die Regierung setzte die Reformen jedoch weiter durch, ohne Rücksicht auf Expertenmeinungen, Rechtsgutachten oder den Schaden, den dies für die Stimmung und das Vertrauen in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt bedeutet. Eine der ersten Reformen war auch die Einschränkung des Streikrechts, was es den Arbeitnehmern erschwerte, gegen weitere Reformen zu protestieren. 1
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2025
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