FES BRIEFING TSCHECHIEN Gewerkschaftsmonitor Juni 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die nächsten Parlamentswahlen sind für den 3. und 4. Oktober 2025 angesetzt. Derzeit führt ANO(Akce nespokojených občanů, Aktion unzufriedener Bürger) unter Andrej Babiš in Umfragen kontinuierlich mit 33 bis 36 Prozent, SPOLU(Zusammen) und STAN(Starostové a nezávislí, Bürgermeister_innen und Unabhängige) kommen derzeit auf ca. 18 bzw. 10 Prozent, die Piraten sind aus der Koalition ausgeschieden. Damit ist ein Wahlgewinn von ANO wahrscheinlicher geworden. Seit den Parlamentswahlen im Oktober 2021 bilden insgesamt fünf Parteien die stark wirtschaftsliberale und kulturell tendenziell konservative Regierungskoalition in Tschechien: die Bürgerdemokraten von der ODS(Občanská demokratická strana, Demokratische Bürgerpartei), die christdemokratische KDUČSL(Křesťanská a demokratická unie – Československá strana lidová, Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei) und ihre liberalere Absplitterung TOP 09 (Tradice, odpovědnost, prosperita, Tradition, Verantwortung, Prosperität), die als Zusammenschluss von Bürgermeister_innen entstandene STAN sowie die Piraten-Partei. Diese Koalition löste die vorherige Regierung unter dem Unternehmer und Medienmogul Andrej Babiš ab, dessen Partei ANO bis dahin gemeinsam mit den Sozialdemokraten regiert hatte. Neuer Premierminister wurde Petr Fiala von der ODS, der nach einem knappen Wahlausgang das Amt übernahm. Im Mittelpunkt des Wahlkampfes stand vor allem die Person von Andrej Babiš, dem unter anderem Interessenskonflikte und EU-Subventionsbetrug vorgeworfen wurden. Ihn abzuwählen, war entsprechend das erklärte Hauptziel der fünf Parteien, die sich zu diesem Zweck zu zwei Wahlbündnissen vereint hatten. Dadurch gerieten jedoch jedwede programmatische Auseinandersetzungen in den Hintergrund. Es kam im Gegenteil zu einer Konsolidierung des Parteienspektrums in zwei sich gegenüberstehende, verhärtete Lager. Die Spaltung zwischen ihnen spiegelt tiefere Konfliktlinien in der tschechischen Gesellschaft, vereinfacht ausgedrückt die zwischen den Wendegewinnern und-verlierern, die jedoch vom Stellvertreterkonflikt um die Person von Babiš weitgehend überdeckt und damit politisch unverarbeitet bleiben. Nach der Wahl bildeten ANO und die rechtspopulistische SPD (Svoboda a přímá demokracie, Freiheit und direkte Demokratie) die parlamentarische Opposition. Die politische Linke hingegen ist marginalisiert – sowohl die sozialdemokratische ČSSD(Česká strana sociálně demokratická, Tschechische Sozialdemokratische Partei, seit Juni 2023 im Rahmen einer Imageerneuerung in SOCDEM, Sociální demokracie, Sozialdemokratie, umbenannt) als auch die Kommunisten von der KSČM(Komunistická strana Čech a Moravy, Kommunistische Partei Böhmens und Mährens) haben erstmals seit 1989 den Wiedereinzug in das Parlament verpasst. Die Gründe dafür sind komplex, zu den wichtigsten gehören sicherlich die Wähler_innenwanderung von konservativeren Sozialdemokrat_innen in das Lager von Babiš sowie die Abkehr von liberal eingestellten Linken aufgrund der Regierungskoalition der ČSSD mit Babiš in den vorausgegangenen zwei Amtszeiten. Unter ihrer neuen, linken und charismatischen Vorsitzenden Jana Maláčová sucht SOCDEM im Wahljahr 2025 nun erkennbar stärkere Nähe zu den Gewerkschaften. Die Fiala-Regierung sah sich seit ihrem Amtsantritt mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Während die COVID-Pandemie in den ersten Monaten ihrer Amtsperiode auch ohne ihr besonderes Zutun abklang, änderte die russische Aggression in der Ukraine die politischen Rahmenbedingungen vollkommen, zumal die tschechische EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2022 auch maßgeblich die Reaktion der gesamten EU hierauf mitgestaltete. Tschechien erwies sich – im Kontrast zur Haltung während der Flüchtlingskrise 2015 – als äußerst engagiert bei der Aufnahme und Versorgung von Hunderttausenden Geflüchteten aus 1
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