FES BRIEFING VEREINIGTES KÖNIGREICH (GROSSBRITANNIEN UND NORDIRLAND) Gewerkschaftsmonitor Juli 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Aus den Parlamentswahlen im Juli 2024 ging die gewerkschaftsnahe Labour Party mit einem Erdrutschsieg hervor. Mit über 400 Sitzen im Unterhaus führt Premierminister Sir Keir Starmer nun eine Mehrheitsregierung. Dieses klare Ergebnis ist laut mehrerer Wahlanalysen weniger auf eine starke Mobilisierung für Labour zurückzuführen, als vielmehr auf die weitverbreitete Unzufriedenheit mit der seit 2010 regierenden Konservativen Partei(»Tories«). Obwohl Labour im Vergleich zu den Parlamentswahlen 2019 rund 200 Sitze hinzugewinnen konnte, ging die Stimmenzahl im Vergleich zu den letzten Wahlen sogar leicht zurück. Die herbe Niederlage der Tories ist vor allem auf die Demobilisierung ihrer Stammwählerschaft sowie auf Abwanderungen zu Labour und der rechtspopulistischen Partei Reform UK zurückzuführen. Das Mehrheitswahlrecht begünstigt in der Regel klare Mehrheiten für eine der beiden großen Parteien. Dennoch zeigen die Wahlergebnisse eine zunehmende Fragmentierung der Parteienlandschaft und wechselnde Wählerloyalitäten. So konnten die Grünen, Liberalen, Rechtspopulisten und parteilose Kandidat_innen deutliche Zugewinne verbuchen. Die Wahlbeteiligung lag bei niedrigen 59,7 Prozent. Labour war die stärkste Partei unter den Erwerbstätigen(39 %) sowie unter Studierenden(40 %) und Arbeitslosen/Nichterwerbstätigen(39 %). Wähler_innen in höheren Einkommensgruppen (mehr als GBP 50 000 im Jahr) stimmten prozentual mehr für Labour als Wähler_innen mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen. Im Jahr 2024 lag der Stimmenanteil der Labour Party in sozial benachteiligten Wahlkreisen bei 49 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Wahlen 1997 lag der Stimmenanteil in sozial benachteiligten Gebieten bei 69 Prozent und 2017 bei 66 Prozent. Labour wird in einkommensschwachen Wahlkreisen immer mehr von den Grünen, der Reformpartei, Parteilosen und Nichtwähler_innen unter Druck gesetzt. Unter dem Motto»Change«(»Wandel«) präsentierte Labour ein Wahlprogramm, das auf staatliche Erneuerungsinitiativen setzte: Investitionen in öffentliche Dienstleistungen, die Einrichtung eines staatlichen Infrastrukturfonds sowie die Gründung eines staatlichen Energieunternehmens. Auch die Stärkung von Arbeitnehmer_innen- und-versammlungsrechten war Teil des Programms – ein Aspekt, der aufgrund seiner breiten Zustimmung in der Wählerschaft zum Wahlerfolg beitrug. Innerhalb der ersten 100 Tage brachte die Regierung den Gesetzentwurf»Employment Rights Bill«(kurz: ERB) ins Parlament ein. Die Gesetzesinitiative markiert einen grundlegenden Wandel in der Tarifpolitik. Die gewerkschaftsfeindlichen Gesetze 2016 und 2023 sollen aufgehoben werden, um den Zugang für Gewerkschaften zu Arbeiter_innen im Betrieb zu erleichtern und spezifische Einschränkungen beim Streik- und Versammlungsrecht zurückzunehmen. Die Gewerkschaften unterstützen das Reformpaket weitgehend. Der Dachverband Trades Union Congress(TUC) lobt die Umsetzung als einen großen Fortschritt für Arbeitnehmende. 1 Kritische Stimmen der Arbeitnehmervertreter_innen sowie Arbeitgeberverbände beharren trotzdem. Laut einer Umfrage des arbeitgebernahen Chartered Institute of Personnel and Development(CIPD) befürchten 80 Prozent der Arbeitgeber_ innen steigende Kosten, etwa für Krankengeld und Mitarbeiterbindung. Viele planen daher, auf befristete Verträge auszuweichen. 2 Das gewerkschaftsnahe Institute of Employment Rights(IER) hingegen kritisiert die fehlende Verbindlichkeit der Maßnahmen, die verhindern soll, dass Unternehmen zusätzliche Kosten auf Beschäftigte abwälzen. Darüber hinaus werde das Schlichtungsverfahren laut dem Gesetzentwurf weiter in den Ministerien zentralisiert, was verbindliche Tarifverhandlungen zwischen sozialen Partnern erschwere. Neben der Industriepolitik greift die Regierung auch in die Arbeitsmarktpolitik ein. Eine von Arbeitsministerin Liz Kendall 1 https://www.tuc.org.uk/blogs/new-protections-workerscloser-employment-rights-bill-approved-mps 2 https://www.cipd.org/en/about/news/employers-need-claritysupport-employment-rights-bill-cipd-data-reveals-risk-job-losses/ 1
Jahrgang
2025
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