Aufsatz 
Zwischen Renationalisierung und Europäisierung : ein polnischer Blick auf Deutschland
Entstehung
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ARTIKEL /ARTICLES Zwischen Renationalisierung und Europäisierung Ein polnischer Blick auf Deutschland ADAM KRZEMINSKI A ls das neue Jahrtausend begann, schienen die Weichen für die Zukunft Deutschlands, seiner Nachbarn und Europas wenigstens jenes, wel­ches die sich, wie es hieß, immer mehr erweiternde und vertiefende Eu­ropäische Union bildete sicher gestellt zu sein. Aus der Perspektive der ostmitteleuropäischen Aspiranten stimmte alles, oder doch zumindest das meiste. Die nato gab ihnen den Sicherheitsrahmen, und der Kosovo­Krieg hatte gezeigt, dass die Anwesenheit der Amerikaner auf dem alten Kontinent auch weiterhin bitter nötig ist. Dass die Deutschen gerade unter der rot-grünen Regierung im Krieg gegen das Milosevic-Regime mit von der Partie waren, erweckte keinen Groll in Ländern wie Polen, die im Zweiten Weltkrieg die Wucht der deutschen Waffen und der deut­schen Ausrottungspolitik bis an die Grenze der biologischen Existenz der Nation erlitten hatten. Die Deutschen seien endlich im Westen angekom­men und würden dort bald, versöhnt und kooperativ, innere Nachbarn der Polen oder der Tschechen sein. Der Spruch, Deutschland sei der»An­walt« der Ostmitteleuropäer in Brüssel, machte die Runde, und nur sel­ten überlegte man dabei, dass diese Metapher ihren Haken hat. Ging es dabei um eine»Pflichtverteidigung« aufgrund der historischen Schulden oder um eine»normale« Interessenvertretung, die die Mandanten selbst­verständlich auch etwas kosten würde? Zwar gab es immer noch bilaterale Spannungen und ungelöste Fra­gen: die Einzelheiten der Beitrittsverhandlungen etwa, vor allem den freien Bodenkauf in Polen und den freien Zugang zum Arbeitsmarkt in Deutschland. Dann die historischen»Hängepartien«: die Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter, die»Beutekunst« und die immer wieder von den Vertriebenenverbänden erhobenen Forderungen nach einem Widerruf der Beneš- und Bierut-(nicht aber der Stalin-) Dekrete. Doch die Tragfähigkeit der 1990 vom deutschen und polnischen Außenminis­ter, Hans-Dietrich Genscher und Krzysztof Skubiszewski, proklamierten deutsch-polnischen Interessengemeinschaft war so groß, dass im Januar 2000 die seinerzeitigen Außenminister beider Länder, Joschka Fischer ipg 1/2004 Krzeminski, Ein polnischer Blick auf Deutschland 11