RUPERT NEUDECK: Abenteuer Menschlichkeit Erinnerungen Köln 2007 Kiepenheuer& Witsch, 285 S. D ies ist ein ungewöhnliches Buch. Es beginnt schon mit einer kaum glaublichen Flüchtlingsgeschichte. Rupert Neudeck, 1939 in Danzig geboren, sollte im Januar 1945 mit seiner Familie über die Ostsee in den Westen flüchten. Sie hatten Karten für die Passage, verpassten aber im Wirrwarr der letzten Kriegsmonate die Abfahrt des Schiffes. Es war die Wilhelm Gustloff – jenes Schiff, das kurz darauf von sowjetischen Torpedos getroffen wurde und Tausende Menschen in den Tod riss.»Später musste ich immer lächeln«, schreibt Neudeck,»wenn ich Michail Gorbatschows Satz hörte, mit dem der Sturz der Honecker-Regierung in der ddr eingeläutet wurde: ›Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!‹ Das Lebensmotto der Neudecks war genau umgekehrt: Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben«. Bei der Tätigkeit für das Komitee Cap Anamur, für das der Name Neudeck steht, kam er indes fast nie zu spät. 1979 und in den folgenden Jahren rettete er mit der Cap Anamur 11 000 vietnamesische Flüchtlinge(die sogenannten»boat people«) aus dem Südchinesischen Meer. Damals zeigte sich schon sein Motto, »nicht nur zu reden, sondern praktisch anzupacken«. Und er packte auch in anderen Weltgegenden tatkräftig an, auf dem Balkan, in Tschetschenien und in Afghanistan. Seine Einsatzgebiete in Afrika reichen u. a. von Uganda über Äthiopien, den Tschad, Sudan, Mosambik und Ruanda bis nach Angola. Dabei wurden Flüchtlinge medizinisch und mit Nahrung versorgt sowie Unterkünfte gebaut. Vom Privatleben blieb da nicht mehr viel.»Es war eine Dauerbelastung, das ist schon wahr. Ich will das nicht romantisieren. Wer nicht wirklich mit Haut und Haaren Lust auf so ein Abenteuer, genannt humanitäre Hilfe, hat, der sollte das nicht machen. Wir hatten keinen Urlaub. Jahrelang. Aber wir hatten genug Entschädigung. Wir bekamen von denen, die uns bei dieser Arbeit halfen, sehr viel an Liebe und Anerkennung zurück«. Allerdings musste er auch Gegenwind überstehen. 1979 warfen einige Mitglieder des Komitees Cap Anamur Neudeck»verantwortungsloses Finanzgebaren« vor. Neudeck verschweigt solche Anschuldigungen nicht, weist sie aber umso entschiedener zurück. Im Jahr 2000 gab es erneut Kritik wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten, die Neudeck zufolge ebenfalls entkräftet wurden. 2003 gründete er schließlich die»Grünhelme e. V.«, die humanitäre Projekte durchführen, Häuser und Schulen, Straßen und Dörfer, Ambulanzen und Hospitäler bauen. Neudeck ist kein blinder Weltverbesserer, der den»Armen« möglichst viel »Verständnis« entgegenbringen möchte. Vielmehr stellt er klare Forderungen, etwa an Afrika, das er als sein»Sorgenkind« betrachtet.»Wir müssen endlich be154 Rezensionen/Book Reviews ipg 3/2008
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