JOHN DARWIN: Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400–2000 Frankfurt a. M. 2010 Campus Verlag, 544 Seiten D er Prozess vom Auf- und Abstieg mächtiger Länder und deren imperialer Impuls wecken weiterhin Interesse. Allgemein faszinieren das Mächtespiel, die Verwicklungen der handelnden Personen und zuletzt Vergleiche und Lehrstücke vergangener Epochen in Hinblick auf die Entwicklung gegenwärtiger Gruppierungen. Aber auch theoretische Zugänge, etwa die zum Thema der Stabilität internationaler Beziehungen infolge hegemonialer oder imperialer Konstellationen, können mithilfe informierter und weitreichender Studien erörtert werden. Dabei kommt der Globalgeschichte eine besondere Bedeutung zu. Erst durch geografisch und zeitlich umfassend durchgeführte Beobachtungen wächst das Verständnis für die langfristigen historischen Folgen struktureller Bedingungen und individueller Entscheidungen. Wahrscheinlich ist in Europa erst mit dem Ende des Kalten Krieges endgültig die fixe Idee einer alles beherrschenden bipolaren Konstellation der Welt gewichen. Dies befördert auch hier die Nachfrage nach historischen Überblicken. Mehr und mehr realisieren wir die bunte, zerbrechliche, unübersichtliche und spannende Realität in den Weiten einer globalen Realität, die ohne Wissen um deren Geschichte unbegreiflich bliebe. Innere Orientierung gibt John Darwin mit seinem jüngsten Buch Der imperiale Traum. Die Globalgeschichte großer Reiche 1400–2000. Darwin schafft es meisterlich, die Varianten der gegenwärtigen Moderne mittels einer 600-jährigen Entwicklungsgeschichte sichtbarer zu machen. Der zeitliche Eintritt ist mit dem Tod des letzten zentralasiatischen Eroberers Timur gut gewählt, endet doch damit der letzte ernsthafte Versuch, Eurasien in seiner Gesamtheit zu beherrschen. Dieser Zeitenwechsel dokumentiert den machtpolitischen Übergang zu sesshaften Gesellschaften und die Ablösung des asiatischen Zentrums durch den »Fernen Osten« und den»Fernen Westen«. Über lange Strecken macht Darwin deutlich, wie gering der europäische Einfluss im Laufe der Jahrhunderte war. Fristete der europäische Raum doch zuerst nur ein Schattendasein, um sich später dann – eingebunden in den eurasischen Kontext – langsam vorantastend über seine Ränder hinaus in neue Gebiete vorzuschieben. Ob dabei die Besetzung, Ausbeutung und Unterdrückung der Mittelmeerund Atlantikinseln der Beginn der europäischen Kolonisierungsbewegung waren, thematisiert Darwin nur nebenbei. Dass aber Neuengland funktional ein Teil Europas war und die Flankierung durch das ebenfalls expansive Russland für den europäischen Vormarsch entlastend wirkte, ist offenkundig. Die Großfürsten in Moskau konnten nur überleben, weil sie sich auf das europäische System einließen und die Schwäche der Steppengesellschaften nutzten. Schließlich taten die Indusipg 2/2011 Rezensionen/Book Reviews 197
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