NEWSLETTER Türkei Nachrichten Nr. 75- Februar 2026 Schlechte Stimmung – Verarmung bis in die Mitte der Gesellschaft Rund 70 Prozent bewerten die Entwicklung der Türkei negativ – trotzdem bleibt die Unterstützung für das Regierungsbündnis stabil. Der Befund verweist auf tiefe Polarisierung und auf eine soziale Schieflage, die bis in die Mitte der Gesellschaft reicht. Zum Jahreswechsel rückten Mindestlohn und Mindestrente in den Fokus: Beide sollen Existenzsicherung leisten, liegen jedoch unter den von Gewerkschaften berechneten Lebenshaltungskosten. Hohe Inflation, wachsende Ungleichheit und eine extrem geringe Tarifvertragsdeckung im Privatsektor verstärken den Druck. Gleichzeitig geraten Alterssicherung und Beschäftigung unter Reformstress – und bei gut ausgebildeten jungen Menschen wächst die Auswanderungsneigung. Unzureichende Grundsicherung Mindestlohn und Mindestrente sollen ein ausreichendes Einkommen gewährleisten, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Es liegt darum nahe, bei der Erhöhung die Inflation als Maßstab heranzuziehen. Da diese jedoch ein beträchtliches Glaubwürdigkeitsproblem aufweist, geht der Versuch, die Erhöhung von Mindesteinkommen(Rente oder Lohn) mit der Inflation zu rechtfertigen, ins Leere. Genau betrachtet, erweist es sich auch als ein falscher Ansatz, denn wenn das Mindesteinkommen ein ausreichendes sein soll, müsste ein Grundbedarf zum Maßstab genommen werden. Die Gewerkschaftsbünde Türk İş und DISK veröffentlichen monatliche Berechnungen zum Grundbedarf einer vierköpfigen Familie sowie eines alleinlebenden Beschäftigten. Für Familien errechnen sie die Kosten für eine ausgewoge ne Ernährung(Hungergrenze) und für die sonstigen Kosten (Armutsgrenze). Türk İş gibt für Dezember 2025 den Er nährungsbedarf für eine Familie mit 30.134 TL(590€) an, der im Januar nochmals um 3,58 Prozent gestiegen ist. Der Mindestlohn für 2026 wurde im Dezember mit 28.075 TL(550€)(netto) festgelegt, die Mindestrente mit 20.000 TL(392€). Erstmals lag der Mindestlohn nun bereits bei seinem Inkrafttreten unter den Ernährungskosten, die Mindestrente deckt nur ca. zwei Drittel. Zusätzliches Gewicht erhalten Mindestlohn und Mindestrente aufgrund ihrer Verbreitung. Der Gewerkschaftsbund DISK geht davon aus, dass rund die Hälfte der abhängig Beschäftigten den Mindestlohn erhält. Wer sich in einem ungeschützten Beschäftigungsverhältnis befindet, erhält in der Regel noch weniger. Ebenso ist es bei den Renten. Hier liegt der Anteil der Empfängerinnen und Empfänger einer Mindestrente bei 34 Prozent- mit steigender Ten denz. Der steigende Anteil von Personen von Mindestein kommen hat nicht zuletzt mit der Einkommensentwicklung zu tun. 1
Heft
(2026) 75. Schlechte Stimmung - Verarmung bis in die Mitte der Gesellschaft
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