FES BRIEFING KANADA Gewerkschaftsmonitor Dezember 2025 POLITISCHER, WIRTSCHAFTLICHER UND SOZIALER RAHMEN POLITISCHE ENTWICKLUNGEN Der liberale Premierminister Justin Trudeau trat im Januar 2025 aufgrund sinkender Beliebtheit und eskalierender Handelsspannungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika zurück. Mark Carney, ehemaliger Gouverneur der Bank of Canada und der Bank of England, sicherte sich in einem kurzen Führungswahlkampf überwältigende Unterstützung, um neuer Vorsitzender der Liberalen zu werden. Carney berief umgehend vorgezogene nationale Wahlen für den 28. April 2025 ein, um sich angesichts der zunehmenden Handelsspannungen mit den USA ein starkes Mandat zu sichern. Er gewann eine knappe relative Mehrheit, führt seitdem eine Minderheitsregierung – die vierte liberale Regierung in Folge seit 2015. In den zwei Jahren vor der Wahl galt die Konservative Partei Kanadas unter ihrem Vorsitzenden Pierre Poilievre als klarer Favorit für den Sieg bei den nächsten Bundeswahlen. Poilievre ist ein populistischer, Mitte-rechts-orientierter Politiker, der die Unzufriedenheit der Wähler:innen mit Trudeaus Führung und die steigenden Lebenshaltungskosten, die die Zeit nach Covid in Kanada prägten, für sich nutzte und einen Vorsprung von 20 Punkten vor den regierenden Liberalen erzielte. Der Vorsprung der Konservativen in den Umfragen schmolz jedoch dahin, als Justin Trudeau zurücktrat, und obwohl die Konservativen 41,3 Prozent der Stimmen erhielten, gelang es ihnen nicht, eine Regierung zu bilden. Die Sozialdemokraten Kanadas, die New Democratic Party (NDP), erlitten bei den Wahlen 2025 eine schwere Niederlage. Bei der Auflösung des Parlaments hatten sie 24 Sitze inne, nach der Wahl waren es nur noch 7. Dieses Ergebnis war vor allem auf einen Einbruch der Unterstützung der progressiven Wähler:innen zurückzuführen, die ihre Stimmen hinter den Liberalen gebündelt hatten, um einen möglichen Sieg der Konservativen zu verhindern. Der Vorsitzende Jagmeet Singh verlor seinen Sitz und trat am Abend der Wahl zurück, wodurch die Partei in einen Führungsstreit stürzte, der voraussichtlich Anfang 2026 beendet sein wird. Da die Partei nicht die 12 Sitze erreichen konnte, die für den offiziellen Status als Partei (Fraktion) im Parlament erforderlich sind, verfügt sie über deutlich weniger Ressourcen, um die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen. Der separatistische Bloc Québécois bleibt die drittgrößte Partei im Unterhaus(22 Sitze). Er dürfte bei Abstimmungen und in Ausschüssen das Zünglein an der Waage spielen. Die Grünen schließlich halten nur einen Sitz im Unterhaus und sind politisch marginal. Die Arbeitsbeziehungen in Kanada befinden sich in einer Phase relativer Turbulenzen. In den letzten Jahren gab es in Kanada häufiger und länger andauernde Arbeitskonflikte als während der Pandemie. Im Jahr 2024 führten hohe Lebenshaltungskosten in Verbindung mit Arbeitskräftemangel zu höheren Lohnabschlüssen, wodurch ein Muster entstand, das sich in absehbarer Zukunft wahrscheinlich fortsetzen wird. Im Jahr 2025 hatten die von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle auf kanadische Automobil-, Stahl- und Aluminiumprodukte erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitnehmer:innen in diesen Sektoren und führten zu einer Stagnation der geplanten Investitionen im Land. General Motors entließ 750 Beschäftigte, während Stellantis eines seiner Werke in Ontario schloss. Hunderte von Arbeitnehmer:innen im Stahl- und Aluminiumsektor in Ontario und Quebec wurden ebenfalls entlassen, wobei je nach Dauer der Zölle mit weiteren Verlusten zu rechnen ist. Im Bereich des Arbeitsrechts gab es 2025 einen bedeutenden Fortschritt mit der Verabschiedung eines Gesetzes gegen Streikbrecher auf Bundesebene, das Arbeitgeber:innen daran hindert, während Arbeitskämpfen Ersatzarbeitskräfte einzustellen. Dieses Gesetz wurde von allen politischen Parteien unterstützt und markiert auch eine wichtige strategische Wende in der Herangehensweise der Konservativen an Arbeitsfragen. 1
Issue
Dezember 2025
Download single image
avaibable widths