Aufsatz 
Afghanistan zwischen Chaos und Machtpolitik : vorläufige Fassung
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

CONRAD SCHETTER Afghanistan zwischen Chaos und Machtpolitik A fghanistan geht in sein zwanzigstes Kriegsjahr. Kaum ein anderes Land der Welt befindet sich seit so langer Zeit in einem permanentem Kriegs­zustand. Im Zuge dieses Kriegs wurde das gesamte Land in Schutt und Asche gebombt; 1,5 Mio. Men­schen verloren ihr Leben. Weitere Kriegsfolgen sind die Erblast von über 10 Mio. Anti-Personen­Minen, eine Analphabetenrate von über 90 % und die Flucht von zeitweise bis zu 6,5 Mio. der 14 Mio. Einwohner Afghanistans nach Pakistan und Iran. Auf den ersten Blick gleicht der Afghanistan­krieg einem undurchsichtigen Chaos, in dem an­dauernd neue Fraktionen auftreten, die sich in ständig wechselnden Koalitionen bekämpfen. Je­doch lassen sich auf den zweiten Blick zwei Kon­fliktebenen unterscheiden: Zum einen gibt es die internationale Konfliktebene, da der Afghanistan­krieg stark von den sicherheitspolitischen, wirt­schaftspolitischen und ideologischen Interessen ausländischer Mächte, insbesondere seiner Anrai­nerstaaten, bestimmt wird. Zum anderen gibt es die innerafghanische Konfliktebene, auf der zu­nehmend Ethnizität an Bedeutung gewinnt. Beide Konfliktebenen sind miteinander verzahnt und ha­ben in den Kriegsparteien ihre Überschneidungs­punkte. Daher lautet die hier vorgestellte These, daß sich in Afghanistan langfristig nur die Fraktio­nen militärisch und politisch behaupten, die Adressaten ausländischer Unterstützung sind und über einen Rückhalt in der Bevölkerung verfügen. Bei den Parteien, die gegenwärtig im Afghani­stankrieg von Bedeutung sind, handelt es sich um die Dschamiat-i islami[Islamische Gesellschaft; Abk.: Dschamiat], die Hezb-i wahdat[Einheits­partei; Wahdat], die Dschombesch-i melli-ye is­lami[Nationale Islamische Bewegung; Dschom­besch] und die Tahriq-i taliban[Bewegung der Religionsstudenten; Taliban](Abb. 1 ). Innerafghanisches Konfliktpotential Ein Reich mit der Bezeichnung Afghanistan exi­stiert seit 1747 . Afghanistan in seinen heutigen Grenzen entstand jedoch erst Ende des 19 . Jahr­hunderts als Pufferstaat zwischen den Interessen­gebieten der Kolonialmächte Britisch-Indien und Rußland. In dieser Staatsgründung war das we­sentliche Konfliktpotential Afghanistans angelegt. Denn bei Afghanistan handelt es sich um einen Vielvölkerstaat, in dem über 50 ethnische Grup­pen 1 leben. Die größte Ethnie sind die segmentär organisierten Paschtunen, die in verschiedene Stammesverbände zerfallen; die Konföderationen der Durrani und Ghilzai bilden die umfaßendsten paschtunischen Stammeseinheiten. Weitere wich­tige ethnische Gruppen sind die Usbeken in Nord­afghanistan und die Hazara im zentralen Hoch­land. Unter der Sammelbezeichnung Tadschiken wird die persischsprachige, sunnitische Bevöl­kerung Afghanistans zusammengefaßt(Tab. 1 ; Karte 1 ). Die ethnische Vielfalt in Afghanistan drückte sich vor Kriegsbeginn in einer gesellschaftlichen Schichtung aus. Die Paschtunen erschienen nach außen hin als die staatstragende Ethnie. Sie stellten von 1747 bis 1973 mit dem Königshaus, das dem durranischen Stammesverband angehört, die Spitze des Landes. Auch die traditionelle Elite be­stand in ihrer Mehrheit aus paschtunischen Adli­gen. Die Tadschiken bildeten das Gros der Mittel­schicht, weshalb sie die Wirtschaft und staatliche Verwaltung dominierten. Die Usbeken hatten auf den afghanischen Machtapparat nur wenig Einfluß und waren weitgehend auf ihren Siedlungsraum beschränkt. Die Hazara bildeten aufgrund ihres turko-mongoliden Aussehens und ihrer schiiti­1. Es sei darauf hingewiesen, daß es weder eine allge­mein anerkannte Definition noch eindeutige Kriterien für die Bestimmung der ethnischen Gruppe gibt. Heinz, Marco: Ethnizität und ethnische Identität. Bonn 1993. IPG 2/98 Afghanistan 173