HANS-JÜRGEN URBAN Stolpersteine und Wegweiser auf der Straße zur Europäischen Sozialunion* BEITRÄGE/ARTICLES D aß die soziale Integration Europas der politischen und allemal der ökonomischen hinterher hinkt, ist eine über kontroverse Grundpositionen hinweg weitgehend geteilte Auffassung. Gleiches gilt wohl auch noch, trotz aller Differenzen in der sonstigen Einschätzung der geplanten Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion( WWU ), für die These, daß von der bevorstehenden, monetären Integration keine unmittelbaren positiven Effekte auf das Beschäftigungs- und Sozialniveau zu erwarten sind. Für einen»Beschäftigungsautomaten« hält den EURO wohl niemand. 1 Kontroverser wird das Meinungsbild jedoch, fragt man nach den mittel- und langfristigen sowie den indirekten Auswirkungen der gemeinsamen Währung. Hofft die eine Position, die mit den Wechselkursen verschwindenden Währungsturbulenzen und Transaktionskosten ließen sich in Wettbewerbsvorsprünge und damit in zusätzliche Arbeitsplätze überführen, so hebt die andere hervor, daß mit dem Wegfall der währungspolitischen Autonomie ein einsetzbarer Puffer zum Ausgleich nationaler Krisen oder asymmetrischer Schocks verloren gehe und somit Löhne, Arbeitsmärkte und schließlich das gesamte Institutionengefüge unter erhöhten Anpassungsdruck gerate. Während die erste Einschätzung neue sozial- und beschäftigungspolitische Spielräume nahelegt, läßt die zweite erhöhten Druck auf Arbeitsplätze sowie Arbeits- und Sozialeinkommen befürchten. Neue Diskussionsanstöße kamen vor geraumer Zeit insbesondere aus Frankreich. Mit seiner Kritik am»Modell Tietmeyer« hatte Pierre Bourdieu die deutsche Europa-Debatte belebt. Dem aktuell (nicht nur) in Deutschland vorherrschenden monetaristischen Rigorismus, der die sozialen Ansprüche der Gesellschaft den Spielregeln der Finanzkapitalmärkte zu unterwerfen sucht, stellte er die Forderung eines europäischen, supranationalen»Welfare State« gegenüber und mahnte zugleich die Mobilisierung»aller fortschrittlichen Kräfte(an), die auf diese Weise der falschen Alternative entgehen, die man ihnen aufzuzwingen sucht – zwischen einem wahren Nationalismus und einem falschen Internationalismus, der nur die Maske eines veritablen Imperialismus ist«. 2 Mit dieser Intervention legte Bourdieu den Finger in eine offene Wunde der Linken. Denn trotz einer mittlerweile jahrzehntealten Debatte um die»soziale Dimension« Europas müssen sich gerade die »fortschrittlichen Kräfte« eingestehen, daß sie bei deren Verwirklichung bisher nicht sonderlich erfolgreich waren. Und dies, obwohl die europäische Herausforderung z.B. in den gewerkschaftlichen Debatten durchaus eine Rolle spielt. 3 Aber angesichts der Entwicklungsrichtung des Integrationprozesses wirken die sozial- und beschäftigungspolitischen Mahnrufe der Gewerkschaften geradezu naiv. Bei der Frage nach den Ursachen der defizitären sozialen Ausgestaltung Europas wird insbesondere an die Gewerkschaften oft der Vorwurf subjektiver Unwilligkeit gerichtet. Sie zögen es vor – so eine beliebte Sichtweise – sich in der»nationalen Wagenburg« zu verschanzen, und es fehle * Der vorliegende Text greift Überlegungen aus einem Diskussionsbeitrag des Autors in P. Bourdieu u.a., Perspektiven des Protestes, Hamburg 1997 , auf, die aktualisiert, fortgeführt und ausführlicher begründet werden. 1. H. Siebert, Die Währungsunion ist kein Beschäftigungsautomat, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.1.1997 . 2. P. Bourdieu, Warnung vor dem Modell Tietmeyer, in: ders., Der Tote packt den Lebenden, Hamburg 1997 , S. 171 ff, hier: S. 176 . 3. So hat z.B. die IG Metall am 10 . Juli 1997 eine Fachtagung unter dem Titel»Europäische Währungsunion – Zwischen Stabilitätspakt und Beschäftigungskrise« durchgeführt, auf der die gewerkschaftlichen Forderungen nach einer tarif- und beschäftigungspolitischen Flankierung der WWU erneut dargelegt und begründet wurden; vgl. IG Metall(Hrsg.), Europäische Währungsunion. Thesenpapiere und Protokollnotizen, Frankfurt/M. 1997 . IPG 2/98 Stolpersteine und Wegweiser 133
Aufsatz
Stolpersteine und Wegweiser auf der Straße zur Europäischen Sozialunion : vorläufige Fassung
Entstehung
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten