KLAUS BUSCH Das Korridormodell: ein Konzept zur Weiterentwicklung der EU-Sozialpolitik* D urch den Amsterdamer Vertrag ist das Abkommen über die Sozialpolitik in den Vertrag über die Europäische Union integriert worden(Art. 117 bis Art. 120 EUV ). Zwar ist damit der prekäre Zustand überwunden worden, daß ein EU -Staat (Großbritannien) im Bereich der Sozialpolitik die Möglichkeit eines»opting out« wahrnehmen kann, eine aktive Rolle in der Sozialpolitik ist der EU damit aber nicht zugesprochen worden. Insbesondere für die soziale Sicherheit, auf deren klassische Felder immerhin ca. 90 % aller Sozialausgaben in der EU entfallen, bleiben primär die Nationalstaaten zuständig. Nach Art. 118 Abs. 3 des neuen EU -Vertrages setzt ein Tätigwerden der Gemeinschaft im Bereich der sozialen Sicherheit auch weiterhin die Einstimmigkeit der im Ministerrat vertretenen Staaten voraus. Mochte diese Kompetenzverteilung unter den Bedingungen des Gemeinsamen Marktes bzw. des einheitlichen Binnenmarktes noch als angemessen erscheinen, weil Verschiebungen in der Wettbewerbsfähigkeit, die aufgrund unterschiedlicher Entwicklungen in den nationalen Sozialpolitiken zustande kamen, durch die Anpassung der Wechselkurse austariert werden konnten, gelten mit dem Übergang zur Wirtschafts- und Währungsunion neue Spielregeln. Divergierende sozialpolitische Strategien auf der Ebene der Nationalstaaten berühren in der WWU direkt die Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Unternehmen, beeinflussen unmittelbar die Verteilung von Wachstum und Beschäftigung in der Union. In einer Zeit, in der in allen EU -Staaten die sozialen Sicherungssysteme durch die Kumulation von Massenarbeitslosigkeit, Kostenexplosion im Gesundheitssektor und einer wachsenden Überalterung der Gesellschaft hohen Belastungen ausgesetzt sind, ist dieses Problem von besonderer Relevanz. Da die Sozialausgaben in der EU sich auf ca. 30 % des BIP belaufen, können divergente nationale Reformstrategien zur Bewältigung der Krise der sozialen Sicherungssysteme die Wettbewerbsfähigkeit der Staaten in der WWU erheblich verschieben. Überdurchschnittlich radikale Einschnitte in das soziale Sicherungssystem, d.h. ein überdurchschnittlich schlanker Sozialstaat zahlen sich in Form einer erhöhten innereuropäischen Wettbewerbsfähigkeit aus. Damit wird deutlich, daß den EU -Staaten ohne eine Koordinierung ihrer sozialpolitischen Strategien im Rahmen der WWU ein wohlfahrtstaatliches»downgrading« ins Haus steht, ein Zurückstutzen des europäischen Wohlfahrtstaates auf US -amerikanisches Maß(die Sozialleistungsquote 1 erreicht in den USA gerade die Hälfte der entsprechenden EU 15 -Quote). Die WWU erwiese sich damit als Katalysator für eine soziale Transformation Europas, wie sie von konservativ-liberalen Kräften schon lange gefordert wird. Das Dilemma bisheriger Lösungsansätze Selbst wenn die EU die Kompetenz hätte, den beschriebenen Gefahren für das europäische Sozialmodell entgegenzutreten, stünden ihr z.Zt. * Der Autor dankt der Hans-Böckler-Stiftung für die finanzielle Unterstützung bei der Entwicklung des in diesem Artikel vorgestellten Konzeptes. Die Schwerpunktkommission Europapolitik beim SPD -Bundesvorstand hat unter dem Vorsitz von Heidi Wieczorek-Zeul vom Frühjahr 1996 bis zum Herbst 1997 die Europaprogrammatik der SPD weiterentwickelt und in diesem Zusammenhang auch mehrfach über das Korridormodell diskutiert. Inzwischen ist das Konzept als Bestandteil des Leitantrages zur Europapolitik im Dezember 1997 vom SPD -Bundesparteitag in Hannover verabschiedet worden. 1. In diesem Artikel werden unter Sozialleistungen vor allem die Ausgaben für die soziale Sicherheit, d.h. für die Alters- und Hinterbliebenenrente, die Erwerbsunfähigkeitsrente, die Bekämpfung von Krankheit, die Arbeitslosenunterstützung und die Familienunterstützung, verstanden. Die verwendeten oder berechneten Daten basieren auf dem Europäischen System der integrierten Statistiken über die soziale Sicherheit( ESSOSS ). IPG 2/98 Korridormodell 147
Aufsatz
Das Korridormodell : ein Konzept zur Weiterentwicklung der EU-Sozialpolitik ; vorläufige Fassung
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