MATTHES BUHBE Die Türkei und die Grenzen der europäischen Integration I m folgenden wird argumentiert, daß die gegenwärtig zwischen der Europäischen Union und der Türkei erreichte Nähe Bestand haben wird. Auf absehbare Zeit dominieren Faktoren, die sowohl ein Wegdriften der Türkei von Europa als auch eine EU -Vollmitgliedschaft verhindern. Die Partnerschaft mit Europa wird sich fortsetzen. Am Fall der Türkei zeigen sich die Grenzen der europäischen Integration. Die Erweiterung der EU wird aus Sorge, den inneren Zusammenhalt zu verlieren, hinausgezögert. Um die Union zu erweitern, muß sie institutionell vertieft werden oder – was hier ausgeschlossen werden soll – das Integrationsziel muß aufgegeben werden. Wie im folgenden argumentiert wird, bringt die Türkei in dieser Phase zu viele Defizite ein. Unter gegenwärtigen Bedingungen hat der Druck der Vereinigten Staaten von Amerika, den noch bestehenden Abstand schnellstmöglich zu beseitigen und die Türkei bei der anstehenden Erweiterungsrunde als ersten Anwärter auf Vollmitgliedschaft zu behandeln, keine Erfolgsaussichten. Damit würde nämlich die Integrationskraft der EU noch auf längere Sicht überfordert 1 . Die EU -Außengrenze an Syrien, den Irak und den Iran vorzuschieben, liegt bis auf weiteres jenseits der Vorstellungskraft der Unions-Europäer. Umgekehrt hat das Argument wenig Plausibilität, wonach eine von Europa enttäuschte Türkei schon morgen die Zukunft»im Islam«, in einem pantürkischen Großreich oder in einem neoosmanischen Projekt findet. Für solche Reichsgründungen fehlen nicht nur historische Parallelen, sondern auch die Partner, die Ressourcen und die Mehrheiten in der Türkei. Allerdings muß eingeräumt werden, daß die Europäische Union Sicherheitsnachteile hätte, wenn die Türkei sich dennoch abwendete. Eine auf sich selbst zurückgeworfene Türkei ließe befürchten, daß die Krisenregion Nahost um einen gewichtigen Unsicherheitsfaktor erweitert würde. Ein Dilemma türkischer Identität besteht in der Kluft zwischen räumlicher und gesellschaftlicher Ortsbestimmung. Die Landmasse der Türkei berührt die EU nur an der Peripherie. Sie ist zwischen dem Nahen Osten im Süden, Rußland und der Ukraine im Norden und dem Iran im Osten eingebettet. Entferntere turksprachige Nachbarn gibt es zwischen Kaukasien und China. Doch läßt sich der wirtschaftliche, geschichtliche, staatsrechtliche und außenpolitische Standort nicht mit dieser Geografie beschreiben. Die Westorientierung hat tiefe Wurzeln. Eine Annäherung an den»russischen Norden« wäre kaum weniger mühsam als eine Zerschneidung der Bindungen an das abendländische EU -Europa. Es wartet auch kein Staat Arabiens oder des mittleren Ostens darauf, die Türkei als eine führende Macht der»islamischen Welt« zu begrüßen, und für eine Nebenrolle ist sie zu groß. Eine Standortskizze der Türkei, das Problem des verblassenden Leitbildes Kemal Atatürks, die Rollensuche nach dem Ende des Kalten Kriegs, die Beziehungen zu Europa jenseits klassischer Sicherheitsfragen, die Wirtschafts- und Sozialentwicklung, die Veränderungen im europäischen und regionalen Umfeld bilden wesentliche Teile der Argumentationskette für die eingangs behauptete »Halbdistanz«, welche die Partnerschaft zwischen der Europäischen Union und der Türkei kennzeichnet. 1. Das bed eu tet keine Absage an die Beitrittsperspektive. Eine wachsende Kooperation unterhalb der Vollmitgliedschaft ist möglich und wünschenswert. Unterschiedliche Integrationsgeschwindigkeiten innerhalb der bestehenden Union oder»variable Geometrie« sind auch auf Nichtmitglieder anwendbar. Eine solche abgestufte Integration zeigt sich bereits in der Zollunion mit der Türkei. IPG 2/98 Türkei 157
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