KLAUS PÖHLE Ist europäische Identität unmöglich? BEITRÄGE/ARTICLES D ieser Artikel wird der Frage nachgehen, ob sich neben der nationalen und anderen Identitäten eine europäische Identität herausbilden kann. Zugleich will er durch Herausarbeitung einfacher und verständlicher Kriterien Transparenz in das begriffliche Gestrüpp bringen. Zur fehlenden Exaktheit des Begriffs Die Antwort setzt beim Begriff»Identität« ein, dessen inflationär zu nennender Gebrauch im krassen Gegensatz zu seiner fehlenden begrifflichen Klarheit steht. Er ist zu einer Münze geworden, die offenbar»als eine fast beliebige Vokabel« verwandt werden kann. 1 »Seit Ende der siebziger Jahre geistert der Begriff»Identität« durch die Zeitungen und jedes Akademieprogramm und jeder unversitäre Kleinmeister hat den Begriff jahrelang im Repertoire....Die meisten redeten einfach ...von»nationaler Identität«..., ohne nachzudenken darüber, wie man sich derlei vorzustellen hat« 2 Die begriffliche Schwammigkeit kontrastiert mit der Selbverständlichkeit und Autorität, mit der Identitäten oder ihr Fehlen behauptet werden. Als seien es wissenschaftliche Erkenntnisse, die keine Interpretation erfordern und keinerlei Zweifel zulassen. Mit dieser Art Diskussion wird auf die naturwissenschaftliche, insbesondere mathematische Begriffsbestimmung der Identität rekurriert: A= B, d.h. Identität liegt dann vor, wenn A und B die Namen für ein und denselben Gegenstand sind. 3 Entsprechend kennt der psychologische Begriff die Ich-Identität als vollständiges Einssein eines Menschen mit sich selbst. Diese auf einen einzigen Gegenstand oder eine einzelne Person bezogene Identität ist bestechend in ihrer Klarheit und Eindeutigkeit. Zweifel können im naturwissenschaftlichen Bereich nur schwer aufkommen. Anders ist es, sobald nicht tote Materie, sondern lebende Wesen ins Spiel kommen. Am vollständigen Einssein eines Menschen mit sich selbst dürften immer Zweifel erlaubt sein. Es empfiehlt sich deshalb, diese begriffliche Strenge außerhalb des naturwissenschaftlichen Bereichs nicht zu erwarten und dennoch bei der Benutzung des Begriffs Identität im gesellschaftlich / politischen Leben auf ein hohes Maß an Eindeutigkeit und Klarheit zu drängen, um seiner Komplexität gerecht zu werden. Begriffliche Beliebigkeit mag weiter hinnehmbar sein, wenn von kultureller Identität die Rede ist und keine Ausgrenzung mit politischen Folgen droht. Anderes gilt, wenn Identität als politische Waffe eingesetzt wird, um bestimmte Entwicklungen zu befördern oder zu behindern, etwa bei der Öffnung des öffentlichen Dienstes für Ausländer, beim Wahl- und Staatsbürgerrecht und bei der Fortentwicklung der Europäischen Union( EU ). So fallen Bestrebungen auf, den Begriff ausschließlich auf nationale Identität einzuengen, was sowohl die europäische wie die regionale Dimension ausschließen würde. Die Frage nach der europäischen Identität hat zu einer breiten und lebhaften wissenschaftlichen Diskussion geführt 4 , die sich zumeist in der Beschwörung der Vergangenheit Europas und seinen kulturellen Gemeinsamkeiten verliert und logischerweise viele Gründe für eine europäische Identität freilegt. Die Weiterführung des Denkprozesses wird zumeist durch die nationale Identität blockiert, die wie ein Felsblock auf dem Weg zur europäischen zu liegen scheint. Die Überhöhung 1 . Wolfgang Wessels, in: Band 5 der Bonner Schriften zur Integration Europas:»Auf der Suche nach europäischer Identität«, Europa Union Verlag 1995 , S. 102. 2 . Glosse»Restlos beliebig«, in: Süddeutsche Zeitung vom 25./26.1.1997 , S. 15. 3 . Brockhaus Enzyklopädie, 17 . Auflage, Bd. 8. 4 . Siehe die ausführliche Darstellung bei Wolfgang Wessels:»Europäische Identität aus politischer Sicht«, S. 101–122 , a.a.O. IPG 3/98 Europäische Identität 245
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