Aufsatz 
Japan: Unfähig, die Krise zu bewältigen?
Entstehung
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MICHAEL EHRKE Japan: Unfähig, die Krise zu bewältigen? S eit Ende 1997 sind Wirtschaftsnachrichten aus Japan Katastrophenmeldungen.»If Japan Should Crash« titelte der Economist. Ein Kommentator der Financial Times beschwor die Gefahr einer deflationären Spirale nach dem Muster der 30 er Jahre. Die japanische Wirtschaft befinde sich «am Rande des Zusammenbruchs«, so Sony-Präsi­dent Ohga. Die Daten bestätigen die Kata­strophenstimmung: Der Einzelhandelsumsatz sank zwischen dem 1 . Quartal 1998 und dem Vergleichs­zeitraum 1997 um über 20 %, die Wachstumsrate des Sozialprodukts wird 1998 allen Prognosen zufolge unter der Nullinie liegen zum ersten Mal seit 1974 . Die Krise, die seit Anfang der 90 er Jahre schwelt, hat 1998 eine Zuspitzung erfahren: Die Stagnation droht in die Depression überzu­gehen. Hinsichtlich der Ursachen gibt es verschiedene Erklärungsansätze. In den Kommentaren werden, in unterschiedlicher Mischung und mit unter­schiedlicher Gewichtung, meist fünf Faktoren her­vorgehoben: ̈ Strukturelle Krise eines»Wirtschaftsmodells«: Die Probleme Japans werden als Krise des Über­gangs einer außergewöhnlich schnell wachsen­den, aufholenden zu einer ausgereiften Wirt­schaft analysiert. Arrangements, die in den Jahr­zehnten des Hochgeschwindigkeitswachstums wirtschaftliche Erfolge ermöglichten, haben sich nun in Belastungen verwandelt. In diesem Sinne lassen sich ganze Listen von Rigiditäten und Strukturdefiziten zusammenstellen, die auf die Notwendigkeit grundlegender Reformen ver­weisen. ̈ Reaktion auf den externen Schock der Asienkrise: Japan ist in seinem Außenhandel, seinen Direkt­investitionen und seinen Auslandskrediten in Asien stärker exponiert als jedes andere Industrieland. Infolge der Asienkrise schrumpfen die japa­nischen Exporte, die Gewinnerwartungen der Unternehmen, die in Asien investiert haben, sinken, und der Berg an Problemkrediten, auf dem die japanischen Banken bereits sitzen, ver­größert sich. ̈ Die restriktive Fiskalpolitik der Regierung Ha­shimoto: Sie wird vor allem in Japan selbst für die Verschärfung der Krise verantwortlich gemacht. Die Regierung Hashimoto identifizierte zur Unzeit das Haushaltsdefizit als wichtigstes Pro­blem der japanischen Wirtschaft und suchte es mit Steuererhöhungen und der Restriktion der Staatsausgaben zu bekämpfen. Damit würgte sie die gerade einsetzende Erholung ab. ̈ Die unzureichende Dynamik des privaten Kon­sums und die trotz niedriger Zinsen hohe Spar­rate: Diesem Phänomen liegt eine tiefgreifende Verunsicherung der Konsumenten / Sparer zu­grunde, deren Spar- und Konsumentschei­dungen nicht mehr auf geld- und fiskalpoli­tische Anreize reagieren. ̈ Durchschlagen der Krise des Finanzsektors auf die gesamte Volkswirtschaft: Mehrere Jahre lang konnte der Schein einer Separierung der finan­ziellen von der realen Sphäre der Wirtschaft auf­rechterhalten werden, weil das Finanzsystem auch nach dem Platzen der»bubble« als Bereich angesehen werden konnte, der besonderem staatlichen Schutz unterlag. Da Banken, Wert­papierhäuser und Lebensversicherungen davon ausgehen konnten, daß der Staat auch weiter­hin den Bestand größerer Institute garantieren würde, waren die Berge an Problemkrediten eher eine theoretische Größe als ein Indikator für massive Verluste. Erst als Ende 1997 das viertgrößte Wertpapierhaus des Landes, Yamai­chi Securities, bankrott ging, ohne daß der Staat intervenierte, wurde deutlich, daß auf die staat­liche Bestandsgarantie für private Banken nicht mehr zu rechnen war. Erst in diesem Augenblick brach die finanzielle Vermittlungsfunktion des Bankensystems zusammen mit dramatischen Folgen für die Realwirtschaft. IPG 4/98 Japan: Unfähig, die Krise zu bewältigen? 413