ERNST-OTTO CZEMPIEL Eine neue Ordnung für Europa BEITRÄGE/ARTICLES I n den zehn Jahren, die seit dem Umbruch von 1990 vergangen sind, hat der Westen kein neues Konzept für die Ordnung des euro-atlantischen Raumes entwickelt. Vieler Anregungen der Politikwissenschaft ungeachtet, 1 sind vielmehr alte Vorstellungen und Begrifflichkeiten wiedergekehrt. Von»Sicherheitsarchitektur« wird wieder gesprochen, 2 obwohl sie eine Denkfigur des Kalten Krieges war. Der Einsatz militärischer Gewalt wird schon wieder als das»letzte Wort«, nicht etwa nur das letzte Mittel, angepriesen. 3 Eine Analyse der Ursachen, die zum Ende des Ost-West-Konfliktes geführt haben, hat offensichtlich nie stattgefunden; gedankliche Konsequenzen aus diesem Umsturz für eine neue Außenpolitik sind jedenfalls nicht zu erkennen. Auch an der Oberfläche des politischen Bewußtseins hat sich kaum geändert. Das aus der Asche der Sowjetunion neue Rußland wurde eine Zeit lang als»Partner« des Westens akzeptiert. Inzwischen ist es an die Peripherie der politischen Aufmerksamkeit gerückt. Im amerikanischen Kongreß erscheint seine Rückkehr als imperiale Macht also wahrscheinlich, daß sie die Beibehaltung der Militärallianz und ihre Osterweiterung rechtfertigt. 4 Nach wenigen Jahren verschämter Zurückhaltung kehren also in den USA wie in Europa die alten vertrauten Maximen einer Außenpolitik zurück, die sich selbst als Realpolitik ausgibt. Sie wird die vertrauten Resultate produzieren: Antagonismen, Konflikte, Rüstungsspiralen und den Versuch ihrer Bändigung durch Machtgleichgewichte. So muß es nicht kommen, es will eigentlich auch niemand. Aber so wird es kommen, wenn Europa nicht darüber nachdenkt, wie eine moderne, die Ursachen des Zusammenbruchs von Sowjetunion, Warschauer Pakt und Kommunismus reflektierende und die sozioökonomischen Befindlichkeiten der Postmoderne berücksichtigende Außen- und Ordnungspolitik eigentlich aussehen müßte. 5 Natürlich gibt es kein Grand Design für den gesamten euro-atlantischen Raum. Es kann nur Teilordnungen für die Europäische Union, für die Atlantische Gemeinschaft, für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und für die Beziehungen zwischen den drei Teilen geben. Aber diese Teilordnungen müssen kompatibel und auf die gleichen Konstruktionsprinzipien aufgebaut sein. Sie zu benennen, ist gar nicht schwer. Die Teilordnungen und die Verbindungen dazwischen müssen so ausgerichtet sein, daß sie die Sicherheit, die Freiheit und die Wohlfahrt der Menschen erzeugen und gewährleisten. Bewußt wird hier als Bezugsund Maßeinheit nicht der Staat, sondern der Mensch gewählt. Wohlfahrt und Wohlstand werden innerstaatlich verteilt, aber zu einem Großteil im internationalen System erzeugt. Die Entfaltung der bürgerlichen Freiheiten ist auf eine äquivalente internationale Umwelt angewiesen. In dieser Umwelt ist natürlich die Sicherheit einer Gesellschaft zu besorgen; sie hat aber auch längst, wie es der umfassende und erweiterte Sicherheitsbegriff indiziert, eine innenpolitische, eine innergesellschaftliche Dimension erhalten. Der Krieg ist, jedenfalls in Europa, aus dem internationalen System ausund in die Staaten eingewandert. Als potentielle Gefährdung aber bleibt der Krieg weiterhin bestehen, jedenfalls solange sich die Staaten in einem 1 . Schoch, Bruno(Hg.): Die europäische Friedensordnung und die Souveränität der Staaten, Frankfurt 1998 . Vgl. z. B. Knapp, Manfred(Hg.): Konzepte europäischer Friedensordnungen, Stuttgart 1992 . 2 . Titel des Heftes 7 , 1998 , der Zeitschrift Internationale Politik. 3 . Rühl, Lothar: Deutsche Interessen auf dem Prüfstand. Neue Aufgaben für die europäische Sicherheitsarchitektur, in: ebenda: S. 12 . 4 . Goodby, James M.: Europe Undivided, in: The Washington Quarterly 21 , 3 , Sommer 1998 , S. 202 . 5 . Aus der neueren Literatur: Remacle, Eric and Seidelmann, Reimund(Eds.): Pan-European Security Redefined, Baden-Baden 1998 . IPG 4/98 Eine neue Ordnung für Europa 357
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