Aufsatz 
Die Taiwanfrage und die nationale Identität Chinas
Entstehung
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GUNTER SCHUBERT Die Taiwanfrage und die nationale Identität Chinas D as Problem des Nationalismus bzw. der Kon­struktion und Politisierung nationaler und kul­tureller Identität hat nach dem Ende des Ost­West-Konflikts ein neues Gewicht in den interna­tionalen Beziehungen gewonnen. Denn seitdem hat die Welt eine Welle nationalistisch motivierter Kriege erlebt, die den Traum der viel beschwore­nen»Neuen Weltordnung« unter demokratischen und marktwirtschaftlichen Bedingungen mit einer gänzlich anderen Realität konfrontierten, beson­ders gewaltsam in Zentralasien und im Kaukasus, in Ex-Jugoslawien sowie in Zentral- und Ostafrika (Ruanda, Burundi, Zaire, Somalia). Was auch die konkreten Gründe für die teilweise unvorstellbar grausamen Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen der betreffenden Staaten waren und sind, so steht fest, daß der ethno- oder religiös­nationalistische Konflikt ein Brennpunkt des inter­nationalen Krisenmanagements der kommenden Jahre sein wird. Er ist Ausdruck eines komplexen Prozesses im»postideologischen« Zeitalter, bei denen wirtschaftliche und soziale Mißstände in vielen Transformationsgesellschaften, aber auch psychosoziale Identitätsfindungsbedürfnisse mit der Politisierung ethnischer und kultureller Diffe­renzen innerhalb eines Gemeinwesen einhergehen und dabei nationalistisch aufgeladen werden. 1 Oder es findet eine Einebnung solcher Unter­schiede statt, wobei das Ziel der Konstruktion eines machtpolitisch instrumentalisierbaren Natio­nalismus dasselbe bleibt. Die Gefahren solcher Kon­struktionen zu erkennen, sie zu»dekonstruieren« und damit in neue Modi der Verständigung zu überführen, wird eine der großen Aufgaben der internationalen Politik der kommenden Jahre sein. Vor diesem Hintergrund richtet der folgende Beitrag sein Augenmerk auf die derzeitigen Bezie­hungen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan, die sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert haben und nach dem»handover« in Hongkong besonders brisant erscheinen. Denn hier konkurrieren zwei unterschiedliche Ansprü­che auf staatliche Souveränität, die das gegenwär­tige chinesische Staatsverständnis im Kern berüh­ren und vor allem die Machtfrage in der Volks­republik China tangieren. Anders ausgedrückt: Die nationale Identität Chinas ist eng mit dem Verhältnis zwischen Taiwan und der Volksrepublik China verkoppelt, dessen Zukunft deshalb auch entscheidenden Einfluß auf die innerchinesische Lage(Tibet, Xinjiang) sowie die chinesische Außenpolitik in Südostasien(Spratley-Konflikt) ausüben wird. Damit aber besitzt der chinesisch­taiwanesische Konflikt eine entscheidende Bedeu­tung für die Sicherheit in der gesamten asiatisch­pazifischen Region. Es ist die nationalistische Dimension dieses Konfliktes, die gleichermaßen Gegenstand als auch zentraler Bestandteil seiner Lösung ist. Die Lage Seit der Rückgabe Hongkongs an die Volksrepu­blik China am 1 . Juli 1997 werden die taiwanesisch­chinesischen Beziehungen vielerorts verstärkt unter dem Gesichtspunkt diskutiert, ob das Modell»ein Land zwei Systeme« auch als Grundlage einer Vereinigung der beiden chinesischen Republiken dienen könne. Für die Regierung in Beijing ist dies keine Frage, sondern Programm. Nach der Ein­gliederung Macaos im Dezember 1999 soll mit Taiwans»Heimholung« die immer wieder be­schworene»heilige chinesische Einheit« endgültig vollendet werden. Dieses Ziel steht ganz oben auf der außenpolitischen Agenda Beijings, wie zuletzt auf dem 15 . Parteitag der KPChina im September letzten Jahres von Staats- und Parteichef Jiang 1 . Vgl. hierzu jüngst Thomas Meyer, Identitäts-Wahn. Die Politisierung des kulturellen Unterschieds, Berlin 1997 . IPG 3/98 Taiwanfrage 267