ALEXANDER K. A. GRUHLER Ein staatsfreier Raum? Freie Informationsbeschaffung und Zensur im Internet W ie das Telefon im ausklingenden 19 . Jahrhundert, verspricht das Internet an der Schwelle zum 21 . Jahrhundert einen enormen Sprung in den Kommunikationsmöglichkeiten der Menschheit. Bereits bestehende Übermittlungsmethoden – wie Briefpost, Buch, Presse, Telefon, Fax, Photo, Film, Tonträger, Funk und Fernsehen – werden integriert und auf absehbare Zeit möglicherweise sogar ersetzt. Im April 1997 verfügten knapp 7 % der deutschen Haushalte über einen Multimediatauglichen PC , rund 4,5 Millionen Bürger besitzen einen eigenen Zugang zum Internet. Weltweit an das Netzwerk angeschlossen waren 1997 bereits 60 Millionen Menschen, monatlich wächst ihre Zahl um 9 %, und die globale Interneteuphorie verspricht auch in den nächsten Jahren enorme Zuwachsraten 1 . Der simple Zugang zum globalen, grenzenlosen Kommunikationsfluß im Internet wirft aber auch die Frage nach der angemessenen Kontrolle von Kommunikationsinhalten neu auf. Rechtlich problematische Informationsangebote im Internet Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers ging 1997 davon aus, daß»rechtlich problematische Inhalte nicht einmal ein Prozent aller InternetAngebote ausmachen« 2 . Durch die immensen Zuwachsraten kommerzieller und unbedenklicher privater Internetseiten dürfte dieser Anteil inzwischen noch kleiner geworden sein. Entscheidend ist aber nicht der Anteil fragwürdiger Internetseiten – sondern vielmehr die problem- und risikolose Beschaffung und Distribution, die selbst Internet-Neulinge in Kürze beherrschen. Am schnellsten gelangt der Internetbenutzer zu bedenklichen Angeboten im Usenet, das eine der zentralen»Säulen« des Internet darstellt. Hier werden zeitversetzt Nachrichten via E-Mail abgelegt. Dabei handelt es sich um themenbezogene Diskussionsrunden, sogenannte Schwarze Bretter (Newsgroups). Dort können digitale Bilder, Musikstücke oder Texte anonym abgerufen und abgelegt werden. Zur Zeit stehen ca. 26.000 verschiedene Newsgroups zur Verfügung, täglich gehen weltweit bis zu 400.000 neue digitale Beiträge ein. Dem Internet-Benutzer stehen alle Beiträge kostenlos zur Verfügung. Da Konsumenten und Distributoren des Usenet ihre digitale Spur anonymisieren können, stellt das Usenet einen attraktiven Marktplatz für jugendgefährdende und inkriminierte Inhalte dar. Grob geschätzt, stehen in 50–100 Foren bedenkliche Inhalte zur Verfügung. Das können Newsgroups sein, in denen der Holocaust verleugnet wird, Rechtsextreme für ihre Bewegungen werben, Pädophile Kontaktadressen oder Bilder hinterlegen oder Pyromanen Bombenbau-Anleitungen veröffentlichen. Die Palette der Angebote reicht weit: Publik wurde die Offerte des Rosenheimer Ehepaares, das, von Ermittlungsbehörden aufgedeckt, Kinder zum sexuellen Mißbrauch bis hin zur Tötung anbot, oder interaktive Live-Shows, in denen Internet-Benutzer sich gegenseitig Anweisungen senden, wie ein Kind zu mißhandeln sei 3 . Es sind aber auch jene Kinder akut gefährdet, die in den sogenannten Chat-Foren(interaktive Plauderecken), miteinander kommunizieren und dort von pädophilen Kontaktsuchern angesprochen werden. Fälle dieses Musters wurden in den USA vom FBI aufgedeckt, andere wurden in Australien publik. Das FBI gibt an, daß alleine in den USA 1 . GVU ´s Seventh WWW User Survey 1997 . Im Jahr 2000 wird von 100 Millionen an das Internet angeschlossenen Computern ausgegangen. 2. Raimund Neuß:»Ich warne vor jeder Überregulierung«, Bonner Rundschau, 1 . Mai 1997 . 3 . Ludwig Fisch / Birgit Matuschek-Labitzke: Im Datennetz Kinder für Sexfolter angeboten, Süddeutsche Zeitung, 25 . Januar 1997. 310 Zensur im Internet IPG 3/98
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Ein staatsfreier Raum? : Freie Informationsbeschaffung und Zensur im Internet
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