MICHAEL DAUDERSTÄDT Das differenzierte Europa differenziert erweitern M it der Entscheidung des EU -Gipfels von Luxemburg im Dezember 1997 zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit sechs Ländern (Estland, Polen, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern) hat die EU eine neue Erweiterungsrunde eingeläutet. Die Übernahme der Kommissionsempfehlung durch den Rat geschah aber auf dem Hintergrund zahlreicher offener Fragen, deren Beantwortung die Union bisher gerne auswich: Kann die Union in ihrer jetzigen Verfassung eine solche Erweiterung verkraften? Welche Differenzierungen sind – vor allem im Zuge und nach der Erweiterung – in der Union nötig, um den wahrscheinlich immer schwieriger zu vereinbarenden unterschiedlichen Interessen und Möglichkeiten der Mitglieder Rechnung zu tragen? Wie tragfähig ist die Differenzierung, die die EU über die Auswahl der Verhandlungspartner der ersten Runde unter den Antragstellern vorgenommen hat? Und schließlich: Wie sollte die EU unter denen weiter differenzieren, die jetzt nicht unter den erwählten sechs Ländern sind oder gar nicht einmal assoziiert und Antragsteller? Nach viereinhalb Erweiterungen: Vertiefung trotz Differenzierung Die EU der 15 in ihrer heutigen Gestalt ist das Ergebnis von vier Erweiterungsrunden und dem Beitritt der DDR -Länder zur Bundesrepublik: ̈ 1973 : Großbritannien, Irland und Dänemark ̈ 1980 : Griechenland ̈ 1985 : Spanien und Portugal ̈ ( 1990 : DDR ) ̈ 1994 : Österreich, Schweden und Finnland Jede dieser Erweiterungen differenzierte zwangsläufig die EG / EU . Sie wurde vielfältiger, mit neuen Problemen, Möglichkeiten und Interessen. Die Anzahl der Sprachen erhöhte sich, die Organe (Rat, Kommission, Parlament) wuchsen. Die Erweiterungsrunden brachten neue EU -Fonds oder Transferregelungen(z.B. Regionalfonds, Mittelmeerprogramm, Kohäsionsfonds, Ziel6 -Regionen) 1 , um den besonderen Bedürfnissen der Neumitglieder Rechnung zu tragen. Mit Großbritannien orientierte sich die EG globaler und atlantischer. Generell weniger an Vertiefung interessiert, nahm das Inselreich an Projekten wie Schengen, der Währungsunion oder der Sozialcharta nicht oder erst verspätet teil. Mit Griechenland trat der EU ein armes Land mit großen Modernisierungsblockaden bei, das sich vor allem von der Türkei, später auch von Mazedonien bedroht fühlte und die Beziehungen der EU zu diesen Nachbarländern komplizierte. Der Beitritt Spaniens und Portugals erhöhte das Gewicht der regionalen Disparitäten enorm. Mit der DDR machte die EU ihre ersten und eher negativen Erfahrungen mit der Integration postkommunistischer Ökonomien. Zuletzt traten drei wirtschaftlich gut entwickelte, aber bisher neutrale und eher kontinentaleuropäisch orientierte Länder bei. Trotz dieser Erweiterung und Differenzierung gelang es der EU gleichzeitig, die Integration weiter zu vertiefen. 1985 wurde der einheitliche Binnenmarkt aus der Taufe gehoben und 1992 in Maastricht die Wirtschafts- und Währungsunion auf den Weg gebracht. Die Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Innen- und Rechtspolitik werden in den beiden neuen Säulen der Integration stärker koordiniert. Die Neumitglieder mußten beim Beitritt dieses jeweils höhere Integrationsniveau erklimmen. 2 Je tiefer die Integration in der Union reicht, desto eher haben einzelne Mitglieder Probleme, 1 . Vgl. Heinz-Jürgen Axt»Strukturpolitik der Europäischen Union. Reformmodelle im Vorfeld der Osterweiterung«, Duisburg 1997 , S. 34 f. 2 . Vgl. Richard E. Baldwin:»Towards an Integrated Europe«, CEPR London 1994 , S. 142 f. IPG 3/98 Europa differenziert erweitern 257
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