Aufsatz 
Der Konsum der Demokratie oder der demokratische Konsum : für eine neue Bürgerlichkeit
Entstehung
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NATAN SZNAIDER Der Konsum der Demokratie oder der demokratische Konsum: für eine neue Bürgerlichkeit E s ist eine oft gehörte Vermutung, daß mit dem Konsum und der Konsumgesellschaft das Ende der Politik gekommen sei. Diesen Umstand kann man je nach dem, ob man von Frankfurt oder von Paris aus urteilt entweder tragisch oder aber befreiend finden. In diesem Aufsatz möchte ich versuchen, über dieses Verständnis von Politik und Konsum als einander entgegengesetzt und sich wechselseitig ausschließend hinauszugehen und statt dessen den Anfang zu einer politischen Sozio­logie des Konsums zu machen. Dabei geht es um die Frage, wie die massenhafte Verbreitung moderner Konsumgüter und Konsumgewohn­heiten mit den veränderten Definitionen von nationaler Souveränität und Bürgerschaft zusam­menhängt. Man kann sich diesen Zusammenhang auf zwei Arten vorstellen. Ist nicht so kann man fragen die Verbreitung von Konsumgütern eine starke Integrationskraft, weil sie eine gemein­same Vorstellung von politischen Ansprüchen über alle regionalen, ethnischen und klassenmäßigen Unterschiede hinweg impliziert? Oder wirkt der Massenkonsum nicht vielmehr als eine starke des­integrierende Kraft, die die Autorität des Staates untergräbt und die nationale Öffentlichkeit spal­tet?(Grazia 1996 ) Ich habe an anderer Stelle (Sznaider 1998 ) diese Frage in bezug auf Israel behandelt und möchte sie jetzt noch einmal auf­greifen, diesmal mit Blick auf das Deutschland der Nachkriegszeit. Die grundsätzliche Überlegung, die ich vorschlagen möchte, ist: daß man in der Ära des Massenkonsums die»Erfindung der Nation« nicht begreifen kann, ohne die»Praxis des Konsums« zu berücksichtigen, die von politischen Akteuren und sozialen Gruppen zur Konstruktion kollektiver Identitäten benutzt wird. Gibt es also nur Konflikt, oder gibt es auch Koexistenz zwischen der Sprache der Politik und der Sprache des Konsums? Konsumenten versus Ritter Ich beginne mit einer Geschichte. In den frühen fünfziger Jahren schrieb der jüdisch-deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger im amerika­nischen Exil den Roman»Die Jüdin von Toledo«, der von Rachel,»La Fermosa«, der schönen jüdischen Frau aus dem Toledo des zwölften Jahr­hunderts handelt. Es ist die Geschichte eines ungleichen Paares: der wilde, mächtige Ritter und König Alfons auf der einen Seite und die gebildete, verträumte Rachel, Tochter des jüdischen Finanz­ministers Jehuda Ibn Esra auf der anderen Seite. Ibn Esra, der nach seiner Rückkehr aus dem musli­mischen Sevilla ins christliche Toledo zu einem der mächtigsten Männer der Stadt aufsteigt, wird von Feuchtwanger als der Held der Geschichte darge­stellt: ein verantwortungsbewußter Politiker und finanzielles Genie, der dazu beiträgt, daß Toledo sich zum Handelszentrum von Spanien entwickelt. Der Jude Ibn Esra steht vor dem Problem, die ritterlichen Ideale seines Patrons unter Kontrolle zu halten, und er ist sogar bereit, dem Ziel eines friedlichen, durch Handel vermittelten Mitein­anders von Moslems und Christen seine Tochter zu opfern. Er ist der säkularisierte Juden inmitten der christlichen Zivilisation, er liebt den Luxus und alles, was das zwölfte Jahrhundert an Kon­sumgütern zu bieten hat. Er ist keineswegs der herzlose, geldgierige Jude, vielmehr ist er der Ver­treter eines konstruktiven Umgangs mit der Macht, deren Ziel in der sozialen Koexistenz jenseits reli­giöser und nationaler Grenzen liegt. Feuchtwanger setzt sich in diesem Roman mit dem suggestionsstarken und oft glorifizierten Ideal des Ritters auseinander, das trotz seiner Oberfläche der Höflichkeit noch tief in die Bar­barei verstrickt ist(siehe auch Elias 1938 , 1996 ) und in seinem Streben nach Tod und Ehre notwendi­gerweise zerstört, was andere aufgebaut haben. Der Roman geschrieben unmittelbar nach dem 392 Sznaider, Der Konsum der Demokratie oder der demokratische Konsum IPG 4/99