ERNST HILLEBRAND / GÜNTHER MAIHOLD Von der Entwicklungspolitik zur globalen Strukturpolitik Zur Notwendigkeit der Reform eines Politikfeldes BEITRÄGE/ARTICLES D ie Entwicklungspolitik scheint sich in bedrückenden Paradoxien und Teufelskreisen zu bewegen: Zum einen befindet sie sich angesichts ausbleibender Entwicklungsfortschritte in vielen Teilen der Erde in Legitimationsnöten; zum anderen leidet sie erkennbar an Anspruchsüberfrachtung.»Es gibt kaum etwas, was sie nicht leisten soll: die Überwindung des Hungers, die Lösung dringender Umweltprobleme, die Besserstellung der Frauen, die Eindämmung des Bevölkerungswachstums, die Sicherung von Arbeitsplätzen in Nord und Süd, Krisenprävention, die Eindämmung bewaffneter Konflikte und – bereits zehn Prozent der deutschen Südmittel absorbierend – Nothilfe«. 1 Gleichzeitig hat die Entwicklungszusammenarbeit( EZ ) mit einem verbreiteten Skeptizismus über die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe an sich zu kämpfen. Die politische Öffentlichkeit beobachtet die entwicklungspolitische Praxis mit sehr kritischen Augen. Dies gilt zumal für die traditionellen Projektansätze, denen mangelnde Strukturbildung, geringe Integration in das Umfeld und unzureichende Nachhaltigkeit vorgeworfen werden. 2 Nimmt man die»Teufelskreise« hinzu, die aus berufenem Munde 3 zur Beschreibung der Lage der Entwicklungspolitik und ihrer Bedeutung in Öffentlichkeit und offizieller Politik angeführt werden, so sind die Herausforderungen für dieses Politikfeld nicht zu unterschätzen: ̈ Der Teufelskreis von Apathie und Ahnungslosigkeit beschreibt das Spannungsverhältnis von mangelndem Bürgerinteresse an entwicklungspolitischen Fragestellungen einerseits und der aktiven Hilfsbereitschaft von Bürgern und Medien bei Katastrophensituationen, obwohl die Nachhaltigkeit von Nothilfeprogrammen aus entwicklungspolitischer Sicht äußerst fraglich erscheint. ̈ Der Teufelskreis von Wissen und Macht bezeichnet den Gegensatz von grundsätzlicher politischer Überzeugung hinsichtlich der Notwendigkeit von EZ einerseits und ihrer de-factoMarginalisierung bei wichtigen politischen Richtungsentscheidungen. Wenn etwa der Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestages gegen das Votum des entwicklungspolitischen Fachausschusses(AwZ) Projekte in den Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung( BMZE ) einstellt, weil er sie unter dem Blickwinkel außenwirtschaftlicher Interessen betrachtet, so wird daraus ersichtlich, daß vor allem Lippenbekenntnisse zur»Entwicklungspolitik als Friedenspolitik« die politische Szenerie beherrschen. ̈ Schließlich wird mit dem Teufelskreis von Harmonie und Harmlosigkeit die Neigung der Entwicklungspolitiker beschrieben, ihren Politikbereich als jenseits der Konflikthaftigkeit traditioneller Politik liegend darzustellen, wodurch die Fülle der bestehenden Kontroversen mit anderen Politikfeldern sowie die Zielkonflikte im Bereich der EZ selbst verharmlost werden. Entwicklungshilfe: Politikfeld oder Querschnittsaufgabe? Die genannten Paradoxien und Teufelskreise werden sich in naher Zukunft kaum vollständig auf1. So Stefan Brühne( 1998 ):»Evaluierung als öffentliche Kommunikation. Zu den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen entwicklungsbezogener Wirkungsbeobachtung«, in: ders.(Hg.): Erfolgskontrolle in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit. Hamburg. S. 9 . 2. Vgl. Franz Nuscheler:»Gegen den entwicklungspolitischen Pessimismus«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B. 12/1996 , S. 3–10 . 3. So der langjährige Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung(AwZ) Uwe Holtz( 1997 ):»Probleme und Perspektiven der Entwicklungspolitik«, in: Uwe Holtz (Hg.), Probleme der Entwicklungspolitik, Bonn. S. 90 . IPG 4/99 Hillebrand/Maihold, Von der Entwicklungspolitik zur globalen Strukturpolitik 339
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Von der Entwicklungspolitik zur globalen Strukturpolitik : zur Notwendigkeit der Reform eines Politikfeldes
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