ELISABETH STIEFEL Über den Zwiespalt zwischen globaler Ökonomie und der simplen Sorge für das Leben M ehr Mut zum Markt« rufen derzeit viele, die von Politik und Gesellschaft eine Trendwende zum Besseren erwarten. Zwar weist die Liste der Faktoren, die eine freiheitliche, auf Markt und Wettbewerb gestützte Gesellschaftsordnung zu blockieren scheinen, je nach politischer Couleur durchaus Variationen auf, und nicht alle halten Markt und gutes Leben für ein Zwillingspaar. Doch wer an den Markt als einzige Quelle wirtschaftlichen Wohlstands glaubt, wer ihn für die große Drehscheibe für Waren, Wissen und Ideen hält, mag zwischen Markt und Wohlfahrt keine Kluft entdecken. Mißtrauen gegen die segenstiftende Kraft des Markts steht im Geruch von Häresie und Eigenbrötelei. Kaum jemand wagt es, gegen Tausch und Wettbewerb grundsätzliche Argumente ins Feld zu führen. Selbst die schärfsten Kritiker der ökonomischen Globalisierung haben vor allem Mißbräuche im Visier und benennen in erster Linie die Auswirkungen der ungebremsten Kapitalmobilität über alle Grenzen hinweg. Bankenpleiten und Währungskatastrophen ziehen ganze Kontinente in Mitleidenschaft, und die Schachzüge der»global players« machen die Bemühungen der Nationalstaaten zunichte, ihre Ökonomien auf Stabilitätskurs zu halten. Doch die lauter werdende Forderung nach»Entschärfung« der Märkte, die vor allem aus der Zivilgesellschaft erhoben wird, bedeutet noch lange nicht, den Markt als Ort von sozial- und umweltverträglicher Entwicklung im Weltmaßstab in Frage zu stellen. Der Begriff soziale Reproduktion, der unter dem Primat der Ökonomie zu allen Zeiten ein Schattendasein führte, ist im Zeitalter des globalen Markts vollends aus der Diskussion verschwunden. Besitzen Lebensvollzüge außerhalb des Markts irgendwo den Rückhalt, der ihnen ein Minimum an Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gewährt? In welchem Verhältnis stehen wirtschaftliches Wachstum und soziale Nachhaltigkeit? Zwar wird allerorts beklagt, im Gefolge der Globalisierung vertiefe sich die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen einer dünnen Schicht der Besitzenden und der großen Mehrheit derer, die an den Rändern der Ökonomie ihr Leben fristen. Doch wer von wachsender Armut spricht, meint Einkommensarmut, nicht einen Mangel an Lebensqualität. Auch ist nicht die Rede davon, daß Frauen und Männer in ganz unterschiedlicher Weise betroffen sind. Hier und dort mag ein sogenannter Querdenker schon einmal zu der Einsicht gelangen, daß Frauen eine wichtige Aufgabe haben, wenn es um lebenswerte Alternativen zur gegenwärtigen Wirtschaftsweise geht. In ihrer Zuständigkeit und Kompetenz für die Bewältigung des Alltags, für sorgende und versorgende Tätigkeiten wird von ihnen soziale Phantasie und praktische Gestaltungskraft erwartet. Doch in aller Regel verbleiben auch Zukunftsszenarien im vertrauten ökonomischen Bezugsrahmen. In unsichtbarer, aber gleichwohl verläßlicher Vorverständigung scheint man sich darauf geeinigt zu haben, daß Frauen nicht erwähnt werden müssen. Die traditionelle Blindheit für die ökonomische Dimension des Geschlechterverhältnisses läßt Ausblicke in bessere Zeiten allzu leicht zu Bilderbogen aus dem Schlaraffenland geraten, in denen Männern nichts abgeht und Frauen sehen, wo sie bleiben. Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, die sogenannte Frauenrolle sei unabhängig von konkreten Personen, sozusagen eine Konstante im Trubel ökonomischer Wechselfälle. Traditionelle Frauenaufgaben scheinen dem Markt entzogen, gelten als»Privatsache« der einzelnen Haushalte. Es ist an der Zeit, die Bedeutung des Privaten für das Wirtschaften zu erkunden. Nicht nur im Interesse von Frauen, sondern vor allem zugunsten einer Neubewertung der Lebensbereiche außerhalb des Markts ist die Kritik und Revision der Ökonomie unumgänglich. IPG 3/98 Ökonomie und Sorge für das Leben 299
Aufsatz
Über den Zwiespalt zwischen globaler Ökonomie und der simplen Sorge für das Leben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten