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Globalisierung als Wachstumsblockade - Redynamisierung durch Entwicklungspolitik
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HARTMUT ELSENHANS Globalisierung als Wachstumsblockade Redynamisierung durch Entwicklungspolitik H eute gilt als Gemeinplatz, dass keynesianische Politik der Stärkung der Nachfrage passé ist. Wer dies zu bezweifeln wagt, wird bestenfalls als Traditionalist lächerlich gemacht. Und doch voll­zieht sich unter aller Augen eine keynesianische Situation: Globalisierung führt zu einem weltwei­ten Mangel an Nachfrage. Das Produktionspoten­zial steigt rascher als die effektive Nachfrage. Für eine Neubewertung des keynesianischen Anliegens muss freilich viel ideologischer Schutt eines simpli­fizierten Keynesianismus und einer nur oberfläch­lich begriffenen Globalisierung weggeschafft wer­den. Zentral ist bei Keynes nicht die Forderung nach mehr Staatswirtschaft. Sein Punkt ist, dass in einer Wirtschaft mit Buchgeld Wirtschaftssubjekte die Option haben, ihr Geld nicht für heutigen Konsum oder jetzt vorzunehmende Investitionen auszugeben, sondern zu sparen. In einer kapitalis­tischen Wirtschaft mit Buchgeld gibt es die Mög­lichkeit, Liquidität zu halten. Einkommen führt deswegen, anders als in einer von Warengeld abhängigen Wirtschaft, nicht automatisch zu beschäftigungswirksamer Nachfrage. Ziel»keynesianischer« Politik ist es, den in der Neoklassik als stets gesichert angenommenen Mechanismus des Erreichens von makroökono­mischem Vollbeschäftigungsgleichgewicht durch stützende Maßnahmen erneut zu installieren. Indem dann Vollbeschäftigung erreicht wird, wird Arbeitskraft knapp, wie in der Neoklassik als automatisch angenommen. Dann sind auch die Branchen mit unterdurchschnittlicher Produkti­vitätssteigerung gezwungen, höhere Löhne zu bezahlen, soweit sie diese in höheren Preisen weitergeben können, bzw. wenn dies nicht mög­lich ist, das Angebot einzuschränken. Auf den Gütermärkten kommt es dabei zu einer Verschie­bung der relativen Preise. Die Arbeitseinkommen steigen auf breiter Front entsprechend den durch­schnittlichen Produktivitätssteigerungen, und nicht unterschiedlich nach Maßgabe der physischen Pro­duktivitätssteigerung pro Arbeitsplatz. Die Ent­lohnung der Friseure steigt im Prinzip nicht weni­ger schnell als die der Computerfachleute. Aber nur Knappheit von Arbeitskraft führt zu dieser Anpassung der Güterpreise und Angleichung der Arbeitskosten. Keynes teilt die Auffassung der Neoklassik, dass die Steigerung der Reallöhne der Entwicklung der Produktivität folgt, wobei Post-Keynesianer sich darum streiten mögen, ob dazu die Verknappung von Arbeit(und damit die Lohndrift) ausreicht, oder ob gewerkschaftlicher Druck Voraussetzung für die Durchsetzung produktivitätsangemessener Reallohnsteigerungen ist. Wenn allerdings ein beträchtlicher Anteil der verfügbaren Arbeitskraft nicht»produktiv« eingesetzt werden kann, kön­nen die in der Neoklassik konstatierten Mechanis­men der Steigerung der Masseneinkommen und damit auch der Massennachfrage nicht in Gang kommen. Die neue Qualität von Globalisierung im Unterschied zu der des 19. Jahrhunderts 1 ist nun gerade dadurch gekennzeichnet, dass Arbeits­kräfteüberfluss in unterentwickelten Ländern auf die Weltwirtschaft und damit auch auf die tech­nisch führenden Länder überschwappt. Heute werden auf dem Weltmarkt für verarbeitete Pro­dukte Volkswirtschaften wettbewerbsfähig, deren Binnenstrukturen verhindern, dass die von den Exporten kommenden Wachstumsimpulse zu Voll­beschäftigung führen. Damit stellt sich die Frage, wie diese Volkswirtschaften»integrationsfähig« 1 . Zum durchaus mit dem heutigen Stand vergleich­baren Grad an Globalisierung im 19 . Jh. vgl. Bairoch, Paul:»Globalization, Myths and Realities: One Century of External Trade and Foreign Investment«, in: Boyer, Robert; Drache, Daniel(eds.): States Against Markets. The Limits of Globalization(London: Routledge, 1996 ); S. 173–192 . UNCTAD : World Investment Report 1994. Transnational Corporations Employment and the Work­place(Genf: United Nations, 1994 ); S. 120–121 . 54 Hartmut Elsenhans, Globalisierung als Wachsumsblockade Redynamisierung durch Entwicklungspolitik IPG 1/2001