Aufsatz 
Der neue Sozialraum : Entwicklungstendenzen und Gestaltungsoptionen
Entstehung
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BENJAMIN BENZ / JÜRGEN BOECKH / ERNST-ULRICH HUSTER Der neue Sozialraum Europa: Entwicklungstendenzen und Gestaltungsoptionen D ie Überwindung des Kalten Krieges hat Per­spektiven für ein»Gemeinsames Haus Europa« eröffnet. Menschen und Meinungen sollten sich frei bewegen, wirtschaftliche Beziehungen galt es auszubauen. Zehn Jahre nach dem Fall des Eiser­nen Vorhanges zeigt sich, dass diese Entwicklung keineswegs widerspruchsfrei verläuft, dass zum einen zwar an gemeinsame Traditionen ange­knüpft werden kann, dass sich daneben aber neue Konflikte aufbauen. Es zeichnet sich eine zuneh­mende Verschränkung zwischen den wirtschaft­lichen und politischen Veränderungen in den ost­europäischen Transformationsstaaten und in den Staaten ab, die derzeit die Europäische Union bil­den. Keineswegs monokausal und linear, aber zu­nehmend stärker werden die Lebens- und Arbeits­bedingungen in allen Teilen dieses noch lose mit­einander verbundenen Sozialraums Europas wech­selseitig direkt und indirekt beeinflusst, zeichnen sich Formen einer engeren Kooperation, aber auch der erneuten Abgrenzung ab. Wir erleben derzeit zwei teils konträr zuein­ander verlaufende, teils komplementär zueinander stehende Prozesse in der Ökonomie und in der Politik. So entstehen immer größere Wirtschafts­räume und internationale Kooperationsformen. Der internationale Wettbewerb um Waren und Dienst­leistungen, aber auch um Arbeitsplätze wird for­ciert. Dies mag neue Wachstumsimpulse setzen, verschärft aber zugleich die Asymmetrien beste­hender wirtschaftlicher und sozialer Strukturen national, europa- und weltweit. Einerseits suchen unterschiedliche»Modernisierungspolitiken« der einzelnen Länder bzw. Wirtschaftsregionen(ins­besondere Wirtschafts-, Forschungs-, Technolo­gie- und Bildungspolitik) Wettbewerbsvorteile durchzusetzen. Andererseits drohen Teilregionen, aber auch einzelne Branchen und Unternehmens­gruppen innerhalb dieser Wirtschaftsgroßräume von der Gesamtentwicklung abgekoppelt zu werden.(Vgl. Dieter Eißel 1994 : 49 ) Dies betrifft im Wesentlichen ländliche, teilweise auch altin­dustrielle Gebiete. Anderen Regionen, die zu­vor schon besondere wirtschaftliche Probleme hatten, gelingt es nicht, gleichsam nachholend ihren Entwicklungsrückstand auszugleichen. Gleich­zeitig schlägt sich die soziale Segregation auch innerhalb prosperierender Regionen und Kom­munen nieder. Der ehemalige Ostblock wird in die weltweiten Austauschprozesse eingegliedert, ohne deren west­lich geprägte Gesetzlichkeiten bislang im prak­tischen und im Wirtschaftsleben erfahren zu haben. Die Öffnung der Grenzen für Menschen und Kapi­tal verbindet nun diesen osteuropäischen Sozial­raum mit dem Westeuropas. Angesichts seiner öko­nomischen Stärke erzwingt der Westen vom Osten eine Adaptation an die von ihm vorgeprägten Rah­menbedingungen, zugleich aber hat der mittel- und osteuropäische Sozialraum ein derartiges Gewicht, dass bei Schwierigkeiten oder gar einem Scheitern dieses Anpassungsprozesses gravierende Auswirkun­gen auf den westeuropäischen ausgehen. Bezogen auf Europa laufen zwei Prozesse par­allel, die zugleich eng ineinander greifen: der Pro­zess der westeuropäischen Integration und der der osteuropäischen Umstrukturierung in Richtung marktwirtschaftlicher Strukturen bei gleichzeitiger Adaptation an westliche Wirtschaftsbedingungen. In beiden Prozessen geht es vorrangig um die Stärkung von Marktkräften und die Förderung derjenigen, die den Strukturwandel am besten gestalten können(Benz, Boeckh, Huster 2000 ). Die EU ist eines der wirtschaftlich dominierenden Zentren dieser Erde, doch hat sie bislang keine überzeugenden Umsetzungsstrategien einer nach­holenden wirtschaftlichen Entwicklung im Zen­trum-Peripherie-Gefüge, zumindest keine, die unter Bedingungen des freien Handels von den wirtschaftlich Starken ausgingen. Es stellt sich folglich die Frage, ob und wie eine derartige An­gleichung der Wirtschaftskraft in Mittel- und Ost­12 Benjamin Benz/Jürgen Boeckh/Ernst-Ulrich Huster, Der neue Sozialraum Europa: Entwicklungstendenzen und Gestaltungsoptionen IPG 1/2001