KLAUS EßER Nationalstaat und Marktwirtschaft in Lateinamerika – Chile als Vorbild? I n Chile erfolgte die makroökonomische Neuorientierung ab 1974 , im übrigen Lateinamerika bis 1990 . Setzt nun in der Region ein technischindustrieller Aufholprozess wie in den Ländern Ostasiens ein? Dafür gibt es keine Anzeichen: Das wirtschaftliche Wachstum fällt in den 90 er Jahren niedrig aus; 1 die sozialen und ökologischen Ungleichgewichte verschärfen sich. Die intellektuelle Diskussion unterschätzt die Pfadabhängigkeit des Entwicklungsprozesses. Die wirtschaftspolitische Diskussion konzentriert sich einseitig auf die makroökonomische Stabilisierung infolge der radikalen Liberalisierung nach innen und außen. Der Aufbau des Nationalstaates und einer »systematischen kapitalistischen Produktion« 2 , auf denen die technisch-industrielle Dynamik, die gesellschaftliche Integration und Entfaltung sowie die weltweite Expansion der heutigen Industrieländer beruhen, wird dagegen vernachlässigt; Chile stellt hier im Hinblick auf viele Aspekte eine Ausnahme dar. Auch in diesem Land verlangen jedoch neue interne und externe Anforderungen eine Reformulierung des Leitbildes und der Politik. Das fundamentale Modernisierungsdefizit Lateinamerikas Der fehlende Kontinuitätsbruch Untersuchungen zur Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas im 20 . Jahrhundert, zuletzt die von Rosemary Thorp im Auftrag der Interamerikanischen Entwicklungsbank und der Europäischen Union von 1998 , heben die»Pfadabhängigkeit« des Wachstums hervor.»The answer lies principally in what had gone before.« Wegen spezifischer historischer Bedingungen und der externen Nachfrage wurde in der Region lange Zeit eine Entwicklung nach außen, ein exportinduziertes Wachstum, verfolgt. Ab den 30 er Jahren schloss sich, teils durch frühere Exporteure vorangetrieben, eine spontane industrielle Importsubstitution an. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte auf Grund der Pfadabhängigkeit sowie der»limits and constraints of the time« 3 , also als Reaktion auf hemmende externe Faktoren, ein staatsgeführtes Wachstum ein, das auf eine dirigistische industrielle Importsubstitution gerichtet war. Nach der ersten Ölkrise, auch wegen dieser, kam es zu einem verschuldungsbasierten Wachstum. Die staatsgeführte Entwicklung und die Importsubstitution werden in solchen Untersuchungen zur Wirtschaftsgeschichte keineswegs als Fehlschlag angesehen; vielmehr wird der erzielte Fortschritt betont(»...skills and knowledge have accumulated«), und zwar auch der technologische Lernprozess der Unternehmen und die differenzierte institutionelle Entwicklung. 4 Die Importsubstitution wird nicht einmal als wichtigste Krisenursache betrachtet:»In Argentina and Chile, political problems, rather than inward-looking industrialization itself, were leading to crisis.« 5 Kam es aber zu immer neuen Krisen nicht auch deswegen, weil das Bruttoinlandsprodukt( BIP ) 1950–1978 in Argentinien pro Jahr nur um 3,2 Prozent, in Chile um 3,5 Prozent(lateinamerikanischer Durchschnitt 5,4 Prozent) zunahm?»Fortschritt« 1 . BIP , 1991–2000 : Jahresdurchschnitt 3,15 %; Prognosen 1999 : 0,2 %, 2000 2,9 %( CEPAL ). 2 . A. Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt a.M. 1996 , S. 214 . 3 . R. Thorp, Progress, Poverty and Exclusion. An Economic History of Latin America in the 20 th Century, Washington, D.C ., 1998 , S. 276 , S. 89 , S. 199 . 4 . Ebenda, S. 199 , S. 275–281 ; J. Katz / B. Kosacoff, Aprendizaje tecnológico, desarrollo institucional y la microeconomía de la sustitución de importaciones, in: Desarrollo Económico, Bd. 37 , Jan.–März 1998 , H. 148 , Buenos Aires, S. 483– 501 . 5 . Ebenda, S. 199 . IPG 2/2000 Klaus Eßer, Nationalstaat und Marktwirtschaft in Lateinamerika – Chile als Vorbild? 189
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