PETER WAHL Zwischen Hegemonialinteressen, Global Governance und Demokratie Zur Krise der WTO BEITRÄGE/ARTICLES D ie WTO , bei ihrer Gründung 1995 noch als Speerspitze der Globalisierung gefeiert, ist seit ihrer Ministerkonferenz in Seattle in einer Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Trotz allem demonstrativen Zweckoptimismus von Politikern und Diplomaten musste WTO –Generalsekretär Moore erst jüngst wieder zugeben, dass ein»Konsens über eine neue Runde nicht in Reichweite ist.« 1 Das Scheitern der Ministerkonferenz in Seattle und die spektakulären Protestaktionen sind dabei nur die sichtbarsten Symptome der Krise. Die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Seattle war kein einmaliger Ausrutscher, sondern der Ausdruck struktureller und politischer Probleme, die sich für die Globalisierung im allgemeinen und die WTO im Besonderen ergeben. Hoffnungen, mit einer Denkpause und einigen kosmetischen Veränderungen wenigstens nach den US Präsidentschaftswahlen wieder»business as usual« betreiben zu können, dürften sich daher kaum erfüllen. Für eine Interpretation des Scheiterns von Seattle als Ausdruck tiefer liegender politischer und struktureller Probleme sind dabei folgende Faktoren zu berücksichtigen: ̈ der Trend zur unilateralen Dominanz der USA , ̈ die Verschärfung der Rivalitäten zwischen den großen Handelsblöcken, insbesondere zwischen den USA und der EU , ̈ die Probleme der WTO -internen Strukturen, u. a. das Demokratiedefizit der Organisation, ̈ die sinkende Akzeptanz der Globalisierung in ihrer derzeitigen Form. WTO und Global Governance Neben der unmittelbar ökonomischen Argumentation wird die Notwendigkeit der WTO immer wieder mit der Bindewirkung des Multilateralismus begründet. Demnach sollen multilaterale Abkommen und deren institutionelle Überwachung auch dazu dienen, die unilaterale Durchsetzung von Handelsinteressen nur auf der Grundlage ökonomischer Stärke zu verhindern. Auf eine Formel gebracht: statt des Gesetzes des Stärkeren die Stärke des Gesetzes. Der Multilateralismus hat so u. a. eine Schutzfunktion für die ökonomisch schwächeren Volkswirtschaften. In diesem Sinne wird der WTO eine tragende Funktion in einer zukünftigen Architektur globaler GovernanceStrukturen 2 zugewiesen. Umgekehrt haben natürlich die stärksten Volkswirtschaften nur ein sehr bedingtes Interesse an multilateraler Einbindung. Konservative Politiker in den USA , wie der Senator Jesse Helms, haben dies auch offen ausgesprochen und den Global-Governance-Ansatz als»stillen Krieg gegen die amerikanische Unabhängigkeit« bezeichnet. 3 Der Ausgangsthese des Global-GovernanceKonzeptes zufolge ist ein Grundzug des gegenwärtigen Globalisierungsprozesses die»Entbettung« des Ökonomischen, sein Herauswachsen aus dem nationalstaatlichen Bezugsrahmen. Es findet eine Entkopplung von staatlichem und Wirtschaftsterritorium statt. Damit einher geht ein Bedeutungsverlust des Nationalstaates und ein Rückgang seiner Problemlösungskompetenz. Dem gegenüber konstituiert der liberalisierte Weltmarkt ökonomische Sachzwänge, an die politisches Handeln 1 . Bridges, Weekly Trade News Digest, Vol. 4 , N o 15 , April 2000 . 2 . Eine ausführlich Darstellung und Kritik des GlobalGovernance-Ansatzes findet sich in: Brand, Ulrich et al. ( 2000 ), Global Governance – Alternative zur neoliberalen Globalisierung? Möglichkeiten und Grenzen von Reformalternativen zur neoliberalen Globalisierung, Münster. 3. Zitiert nach: Nuscheler, Franz( 2000 ),»Kritik der Kritik am Global Governance-Konzept«, in: Prokla, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Nr. 118 , März 2000 , S. 152/153 . IPG 3/2000 Peter Wahl, Zur Krise der WTO 235
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Zwischen Hegemonialinteressen, Global Governance und Demokratie : zur Krise der WTO
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