Aufsatz 
Globalisierung, Global Governance und Entwicklungspolitik : [vorläufige Fassung]
Entstehung
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DIRK MESSNER Globalisierung, Global Governance und Entwicklungspolitik BEITRÄGE/ARTICLES D ie aktuellen Globalisierungsprozesse implizie­ren eine Vermehrung und Verdichtung grenz­überschreitender Interaktionen, die fast alle Gesell­schaften, Staaten, Organisationen, Akteursgruppen und Individuen freilich mit unterschiedlichem Tiefgang in ein komplexes System wechselseitiger Abhängigkeiten verwickeln. Handlungsspielräume von Individuen, die Reichweite nationalstaatlicher Politik, Lebenswelten, soziale Ordnungsmuster und die Tiefenstrukturen von Gesellschaften ver­ändern sich nachhaltig. Globalisierung ist also keineswegs nur ein ökonomisches Phänomen. Auch politische, sozial, kulturelle und ökologische Pro­zesse haben zunehmend grenzüberschreitende Dimensionen(Altvater / Mahnkopf 1996 ). Globalisierung ist ein räumliches Phänomen. Lokale, regionale, nationale und globale Räume werden immer enger und auf neue Art und Weise miteinander verwoben. Regionale Integrations­projekte von Ländergruppen schieben sich zwi­schen die Nationalstaaten und die globale Ebene. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aktivitä­ten ordnen sich entlang des Kontinuums von den lokalen zu den globalen Räumen und Handlungs­ebenen neu. Handlungsketten sind über unter­schiedliche Ebenen hinweg immer dichter mit­einander vernetzt. Lokal-multilaterale, inter- und intraregionale oder auch transkontinentale Inter­aktionsmuster entstehen zwischen Unternehmen, staatlichen Institutionen, Nicht-Regierungsorga­nisationen, Universitäten, Individuen. Weit ent­fernte Ereignisse wirken auf lokale Entwicklungen zurück und vice versa. Globalisierung hat eine zeitliche Dimension. Informationen, Wissen, Kapital, Waren und auch Menschen sind in immer kürzerer Zeit rund um den Globus zu transportieren. Aktivitäten, Ent­scheidungen oder auch Unterlassungen in einer Ecke der Welt wirken sich daher mit immer gerin­gerer Zeitverschiebung oft sogar auf alltägliches Handeln am anderen Ende der Erde aus. Globalisierung ist durch dichte kausale Inter­dependenzketten zwischen unterschiedlichen glo­balen Trends charakterisiert. Das läßt sich am Bei­spiel des globalen Syndroms Wachstum-Energie­einsatz-Umweltschutz-Arbeitslosigkeit-Entwick­lungsländer skizzieren: Wachstum stößt global an Grenzen, Energieeinsatz und Umweltschutz wirken gegenläufig, Wachstumsminderung in den Industrieländern steigert Arbeitslosigkeit, Arbeits­losigkeit in den Industrieländern verschlechtert Exportchancen von Entwicklungsländern, bahn­brechende Rationalisierungserfolge in den OECD ­Ländern schmälern die Chance für Aufholprozesse in Entwicklungs- und Transformationsländern, das Ausbleiben von Innovation verschlechtert die Chancen auf eine ökologische Effizienzrevolution »... und langfristig ist alles ganz anders als in der Kurzfristperspektive«(Krupp 1997 , 97 ). Wirtschaft­liche und soziale Entwicklung, Bevölkerungswachs­tum, Umwelt und technologische Innovationen wirken auf spezifische Art und Weise aufeinander ein. Krieg und Frieden können von sozialen Ent­wicklungen, Umweltverwerfungen oder fehlender politischer Steuerung komplexer Probleme mit grenzüberschreitenden Wirkungen abhängen. Mit der Globalisierung verbinden sich vielfäl­tige Chancen, z. B. für Entwicklungsländer, denen es gelingt, sich aktiv in die Weltwirtschaft einzu­ordnen. Immerhin waren die dynamischsten Öko­nomien der vergangenen drei Dekaden diejenigen, die sich gezielt in Richtung Weltwirtschaft ent­wickelt haben. Die weltweiten Interdependenzen und wechselseitigen Abhängigkeiten können auch ein höheres Maß an Kooperation in der Weltgesell­schaft begünstigen. Und nicht zuletzt eröffnen die neuen Informations- und Kommunikationstech­nologien vielen Akteuren einen raschen Zugriff auf international verfügbares Wissen und inter­nationale Vernetzungsmöglichkeiten, die bisher von den weltweiten Kommunikationsströmen weitge­hend abgeschnitten waren; dies gilt gleichermaßen IPG 1/99 Globalisierung, Global Governance und Entwicklungspolitik 5