JOACHIM BETZ Die Fragwürdigkeit von Sozialsiegeln: Kinderarbeit im indischen Teppichsektor I nternationale Siegelungskampagnen sind einer von mehreren Wegen, um von außen Druck auf die Verbesserung der Arbeits- und Sozialbedingungen in Entwicklungsländern auszuüben. Alternative Instrumente sind(a) die Einführung sogenannter Sozialklauseln in internationale Handelsverträge, die es erlauben, Handelsrechte von Mitgliedsländern zu beschneiden, die wesentliche, international vereinbarte Arbeits- und Sozialstandards verletzen bzw. die Rechte von Ländern zu verbessern, die solche Standards einführen;(b) im Rahmen der Internationalen Arbeitsorganisation ( ILO ) vereinbarte Konventionen mit Berichtspflicht der ratifizierenden Regierungen;(c) Codes of Conduct von Unternehmen, die Fertigprodukte aus Entwicklungsländern beziehen, und die sie verpflichten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferbetrieben in der Dritten Welt zu überwachen;(d) die stärkere Fokussierung der internationalen Entwicklungshilfe auf die Basissozialdienste in den Empfängerländern(etwa im Rahmen der auf dem Weltsozialgipfel in Kopenhagen vereinbarten 20 : 20 -Initiative) und(e) last not least die Siegelung von Produkten, die unter Wahrung bestimmter Mindeststandards hergestellt wurden. Deren Fertigung wird von Herstellern und Importeuren gemeinsam kontrolliert, und zur Garantie der geforderten Arbeits- und Sozialstandards und zur sozialen Besserstellung der eigentlichen Zielgruppe werden Preisaufschläge erhoben (Überblick in Sengenberger / Campbell 1994 ; Kulessa 1995 ; Melanowski / Scherrer 1996 ; ILO 2000 ). Bei all diesen Initiativen ist die Reduktion bzw. Eliminierung von Kinderarbeit in der Dritten Welt ein besonders prominentes Ziel. Die Abschaffung der Kinderarbeit steht bei der geforderten Einführung von Sozialstandards an vorderer Stelle, die ILO hat eigens eine neue Konvention erarbeitet ( 1999 ), welche die schlimmsten Auswüchse von Kinderarbeit beseitigen soll(Konvention 182 ). Die in den letzten Jahren stark zunehmenden Codes of Conduct und Produktsiegel schließen uniform das Verbot von Kinderarbeit und ein entsprechendes Monitoring ein. Zuletzt wurde auch das einschlägige Programm der ILO (International Programme for the Elimination of Child Labour) beachtlich aufgestockt – mit nennenswerter deutscher Beteiligung, und auch andere internationale Organisationen(darunter die Weltbank) haben ihr Augenmerk auf dieses Problem gerichtet. Dies alles reflektiert ein nach dem Ende des Ost-West-Konflikts geschärftes menschenrechtliches Bewusstsein, entsprechende Demokratisierungsfortschritte, eine hauptsächlich von Nichtregierungsorganisationen in Nord und Süd entfaltete Kampagne zur Beseitigung von Kinderarbeit und natürlich auch die Erkenntnis, dass viele Kinder in der Dritten Welt unter nicht akzeptablen Arbeitsbedingungen wirtschaftlich aktiv sind und damit ihrer Ausbildungs- und Zukunftschancen zumindest teilweise verlustig gehen. Im Folgenden soll die Debatte um das Für und Wider der angesprochenen Initiativen(mit Ausnahme der Siegelungskampagnen) nur am Rande thematisiert werden. Eine detaillierte Darstellung ist auch deshalb entbehrlich, weil kaum Neues gesagt werden könnte und weil insbesondere die Diskussion um die Sozialklausel daran krankt, dass sie angesichts des massiven Widerstandes nahezu aller Entwicklungsländer(und etlicher Industriestaaten) auf absehbare Zeit keine Realisierungschance hat. Auch Ausführungen zu Umfang und Ursachen der Kinderarbeit in der Dritten Welt generell sind entbehrlich, zumal diese oft allenfalls informierte Spekulation sind. Dies wird sich auch am indischen Fall zeigen, der im Zentrum der folgenden Erörterungen stehen soll. Nach einer Beschreibung der länderspezifischen Situation der Kinderarbeit und ihrer Ursachen sollen die Struktur des indischen Teppichsektors und dessen Lohn- und Arbeitsbedingungen(auch in Bezug 310 Joachim Betz, Die Fragwürdigkeit von Sozialsiegeln: Kinderarbeit im indischen Teppichsektor IPG 3/2001
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