Vietnam: Laissez-faire unter sozialistischem Dach PETER WOLFF V ietnam hat seit Ende der achtziger Jahre eine gradualistische Reform auf der Grundlage einer»Sozialistischen Marktwirtschaft« auf den Weg gebracht, die – im Gegensatz zu den osteuropäischen Transformationsländern – die Lebensverhältnisse der Bevölkerung rasch deutlich verbessert hat. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg steigt allerdings der Anpassungsdruck – nicht zuletzt auch auf das bislang kaum reformierte politische System. Der Reformdruck von unten Mehr als zehn Jahre nach dem Ende des»amerikanischen« Krieges und der Vereinigung von Nord-und Südvietnam unter dem Vorzeichen des Kommunismus stand Vietnam Ende der achtziger Jahre vor einem Desaster. Es gab Hungersnöte in vielen Teilen des Landes; der überwiegende Teil der Bevölkerung besaß nur das Notwendigste zum Überleben; das Land war vollständig von den Entwicklungsprozessen in Südost- und Ostasien abgekoppelt. Vietnam war eine Enklave der Armut, unberührt vom Asiatischen Wirtschaftswunder wie auch vom nachholenden Entwicklungsprozess in China seit 1978. Die Ursache für diese Entwicklung konnte nicht mehr allein in den verheerenden Auswirkungen des langen Krieges gesehen werden. Verantwortlich dafür war vielmehr eine Politik, die voll und ganz auf ein orthodoxes Sozialismus-Modell setzte: Zentrale Planwirtschaft, Kollektivierung der Landwirtschaft, weitgehendes Verbot privater Wirtschaftstätigkeit, Außenhandel beschränkt auf die Länder des rgw . Es war für die Kommunistische Partei Vietnams( kpv ) eine bare Selbstverständlichkeit, dass nach der Vereinigung mit dem kapitalistischen Süden des Landes ein »reines« Sozialismus-Modell umgesetzt werden musste. Die Partei wurde darin bestärkt von den Beratern aus Moskau und Berlin, die Vietnam mit Warenhilfe und Entwicklungsprojekten unter die Arme griffen. ipg 3/2002 Wolff, Vietnam 49
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